Mittwoch, 28. September 2016

Etappe - Verwundete; Deutschland - Flüchtlinge?

Aus vielen Gründen unterscheidet sich das Verhältnis von Etappe und Front im 1. Weltkrieg immens von dem von Deutschland und Syrien heute.
Aber schon die Andeutung des Vergleichs macht uns deutlich, wie viel sich seit:

"Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen,
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,

Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried’ und Friedenszeiten.


Herr Nachbar, ja! So lass ich’s auch geschehn:
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag alles durcheinander gehn;
Doch nur zu Hause bleib’s beim alten
." (J.W.v.Goethe: Faust 1. Teil 2. Szene)


verändert hat.

Biedermeier, Imperialismus, Globalsierung. Da ist einiges geschehen.
Als der Faust I 1808 herauskam, hatte freilich Napoleon in Europa eine ganz neue Ordnung geschaffen ("Ruhe ist die erste Bürgerpflicht." 1806 nach der vernichtenden Niederlage Preußens vom Berliner Stadtkommandanten ausgegeben). 
Doch schon 1813 schrieb Körner "Frisch auf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen [...] der Freiheit Licht"
Und im Oktober folgte die Völkerschlacht von Leipzig, die verlustreichste seit Menschengedenken. 
Wie stark unterschieden sich die Freiheitshoffnungen der von Napoleon besiegten Völker von denen der Revolutionäre des Arabischen Frühlings? Und diese Hoffnungen führten in den syrischen Bürgerkrieg, zu den Flüchtlingen, Pegida und AfD, zur Obergrenze und der Forderung, alles solle beim Alten bleiben, die die Parteienlandschaft in der Bundesrepublik umstürzt.

Doch nur zurück zu dem Vergleich zwischen den Verwundeten, die aus den Abnutzungsschlachten im 1. Weltkrieg nach Deutschland zurück gebracht wurden, zu den Bürgerkriegsflüchtlingen, die 2015 nach Deutschland kamen.
1916/17 haben mit Sykes-Picot-Abkommen und der Balfour-Erklärung europäische Mächte an die Stelle des osmanischen Reiches eine Ordnung gesetzt, die nicht nur in Israel/Palästina, sondern im Nahen Osten allgemein für 100 Jahre labile Verhältnisse und Unfriede gebracht haben. Der Hochmut Bush juniors hat mit seiner Koalition der Willigen das fragwürdige prekäre Gleichgewicht zwischen künstlichen Staaten einerseits und den rivalisierenden religiösen Gruppierungen vollends destabilisiert. Die Hoffnung, das ermögliche den Sturz der Diktatoren und die Errichtung von Demokratien westlichen Stils, haben sich zerschlagen.
So wie Weltmachtsträume mancher Deutscher und die Hoffnung, die Rivalitäten der europäischen imperialistischen Mächte könnten durch das reinigende Gewitter eines großen Krieges beseitigt werden. Was man bekam, war die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts und weit mehr Verwundete und Tote, als 1916 abzusehen war. 

Wie schön könnte es den Deutschen doch als Exportweltmeister gehen, wenn nicht nur die Griechen, sondern auch die Flüchtlinge die Suppe auslöffeln würden, die die wenigsten unter ihnen eingebrockt haben. 
"Das bunte Treiben [...] dazu Musikkapelle wären ein rechtes Bild des Friedens gewesen, wenn nicht die vielen Verwundeten uns immer wieder in die rauhe Wirklichkeit zurückriefen", schreibt der Landsturmmann 1916. 

Sind wir bereit, uns der Wirklichkeit von 2016 zu stellen, oder fordern wir einfach, dass 'nur zu Hause es beim Alten bleibt', auch wenn das nur auf Kosten anderer denkbar und auch dann nicht langfristig möglich sein kann?

Aus der unüberschaubaren Menge der Schriften zum Thema Flüchtlingskrise ab 2015 einige wenige, die leichter zugänglich gemacht wurden:
Leseprobe
"Man darf nicht vergessen, dass die Menschen, bevor sie über das Meer fahren, wahrscheinlich schon viel größere Gefahren überstehen mussten – egal, wo sie herkommen: Afghanen müssen durch schneebedeckte Berge in Iran wandern und über Grenzen gehen, an denen sie jederzeit erschossen werden können. Syrer müssen an IS-Checkpoints vorbei und an türkischen Grenzbeamten, die auf sie schießen. Tausende Menschen aus Ost- und Westafrika müssen die Sahara durchqueren. Sie werden bei extremer Hitze auf überfüllte Pick-up-Trucks geladen, viele Autos bleiben liegen und werden nie wieder gesehen, die Menschen sterben einfach. Es gibt Geschichten von Skeletten, die in Gebetshaltung in der Wüste liegen – Überreste von Menschen, die zu Gott gebetet haben, dass er sie rettet." (Patrick Kingsley im Interview mit jetzt.de 10.5.16)
"1. Verhindern, dass Mirgraten das Gefühl entwickeln, überflüssig zu sein
2. Frauen der Migranten einbeziehen, wenn sie nicht über Arbeit integriert sind
3. Die Verschleierung von Frauen, die aus ländlichen Räumen kommen, muss anders bewertet werden als die von Frauen aus urbanen Räumen. Dafür brauchen Betreuer weite Entscheidungsspielräume.
4. Schulen und ihr Umfeld sind so zu gestalten, dass sie der Integration dienen. Das heißt: Schulen mit einem Migrantenanteil deutlich über 40% sind zu vermeiden.
5. Jugendlichen muss eine langfristige Lebensplanung attraktiv gemacht werden.
6. Man muss berücksichtigen, dass die Gründe für Verhaltensweisen oft nicht in der Religion, sondern in sozialen Faktoren liegen.
7. Schulen müssen als Hebel zur Öffnung von Parallelgesellschaften genutzt werden.
8. Neuankömmlinge dürfen nicht durch unveränderbare Arbeitsmarktregeln benachteiligt werden.
9. Schon ausländische Namen können zu Diskriminierung führen. Dennoch muss sichergestellt werden, dass Diskriminierung eine Ausnahme bleibt.
10. Arbeitspolitische Maßnahmen müssen immer auf zivilgesellschaftliche Folgen geprüft werden, damit nicht wieder die Abkehr von Integration staatlich subventioniert wird, wie es bei türkischen Einwandererfamilien geschah.
11. Es muss verhindert werden, dass Flüchtlinge so lange vom Arbeitsmarkt ferngehalten werden, dass sie "eine Mentalität des Passiven" entwickeln."

Meine Artikel zum 1. Weltkrieg auf diesem Blog

1. Weltkrieg: 1916 Post aus der Etappe

Feldpostkarte Landsturmmann (in lateinischer Schrift; Bild: Eiserner Turm, Mainz)
Bahnpost Zug 1014 Cöln (Rhein) - Fra[nkfurt (M]ain)
Landsturmmann [...], z.Zt. Festeungsvermess. Personal Mainz, Münsterplatz
Wiesbaden, d.12. Mä[rz][19]16
Liebe H.
Sitze bei schönem Wetter u schöner Musik in einer Gartenwirtschaft "unter den Eschen" u gedenke Eurer. Heute einen Brief von Heide erhalten. Sie hat viel zu tun. Gestern Nacht kamen wieder viele Verwundete hierher. Ich kann es jedesmal beobachten, da ich in der Nähe des Bahnhofs wohne; fast alles durch Autos befördert. Ich habe durch die mathematisch. Wiederholung u Ausrechnungen jetzt kaum eine Minute Zeit mehr. Alles concentriert sich bei mir jetzt um die Lösung der gestellten Aufgabe. Sind schon ein gut Teil weiter gekommen. An die liebe Mutter habe ich eben auch ein Kärtchen geschrieben. Nun noch an Heide. Mein Geld ist trotz der Löhnung u Sparsamkeit sehr knapp. Wie geht es Euch allen?
Herzliche Grüße an Euch alle. Dein H.


Feldpostkarte Hugo Groth an Johanna (in lateinischer Schrift; Bild:Bad Münster a. Stein Rheingrafenstein und altes Fischerhaus (16. Jahrh.)
Abs. Landsturmmann Groth, Festungs-Vermess. Abteilung Mainz
Bad Münster a/Stein. d. 6.8.16
Liebe Hanna.
Herzlichen Gruß von hier!
Es ist ein wunderschönes Plätzchen an der Nahe; ich war oben auf den Felsen gestiegen (Weg führt nach oben) dort, wo ich die Fahe hingemalt habe. Das Wetter war herrlich.
Das bunte Treiben an u auf der Nahe dazu Musikkapelle wären ein rechtes Bild des Friedens gewesen, wenn nicht die vielen Verwundeten uns immer wieder in die rauhe Wirklichkeit zurückriefen. Grüße die Kinder
Dein Hugo

1. Weltkrieg: Fesselballon zur Beobachtung der Wirkung des eigenen Artilleriefeuers


Postkarte nach einem Gemälde von Professor Hans Rudolf Schulze
herausgegeben vom Deutschen Luftflotten-Verein für Schaffung einer starken deutschen Luftflotte

Zu dieser Zeit wurde der Horror des Stellungskrieges offenkundig als geeigneter Gegenstand für Gemälde angesehen. Welch ein Gegensatz zur Kunst von Kollwitz und Barlach.

Mehr dazu sieh: Stadtarchiv Karlsruhe: 

Erster Weltkrieg - Postkarten "Aus großer Zeit 1914/15"

Dienstag, 27. September 2016

Eine Feldpostkarte von 1916

  (in lateinischer Schrift; Bild: Wiesbaden. Nerotal mit Neroberg u. Griech. Kapelle)

Mainz, d.22.8.[19]16
Liebe [...]
Heute nachm. Dein Päckchen erhalten. Vielen Dank! Jetzt kann man auch keinen Käse mehr bekommen. Es sollen Käsekarten eingeführt werden. Auch hier ist das Wetter kalt u. regnerisch. -
Sag mal!, habt Ihr nach Hause geschrieben wegen Pauls Anschrift. Ich warte auch hier 2 Monate auf Nachricht von ihm. Gebt mir doch auf meine Anfragen ordentlich Bescheid u. legt den Brief nicht gleich als erledigt bei Seite. Übrigens hatten wir gestern u. heute hohen Besuch von Berlin.

Im Oktober gehen mit d. Abteilung große Veränderungen vor. Wir werden der Fortification angegliedert, ein großer Teil wird abgeschoben, ein Teil kommt ins Feld, einige bleiben zurück, um die Arbeiten zu Ende zu führen. Unser Dirigent kommt zunächst nach Berlin. Der Rat Storz (?) bleibt hier. Das ist das Neuste. Nun herzl. Gruß dir u. den Kindern Dein [...]

Clinton - Trump

Kommentatoren sagen, dass es Trump geschadet habe, dass er zwei seiner erwiesenen Lügen im Fernsehduell wiederholt hat.
Das kann mich nicht überzeugen. Wer überhaupt daran denkt, Trump zu wählen, wird wohl eher annehmen, dass er wirklich der Meinung ist, die Wahrheit gesagt zu haben. Was können schon Aussagen der "Lügenpresse" darüber, was gelogen sei oder nicht, beweisen.
Hätte er seine Lügen nicht wiederholt, hätte man ihm das als Unsicherheit auslegen können.

Trotzdem: Clinton ist zumindest nicht eingebrochen. Noch wird sie ihren Vorsprung halten können.
Freilich, Trump - bzw. seine Berater - könnte aus dem Fernsehduell gelernt haben. Und die Unsicherheit, was bis zur Wahl noch passieren kann, wird eher an Clintons Nerven zerren als an denen von Trump, der sich ohnehin nicht an Realitäten als an den Reaktionen seiner potentiellen Wähler orientiert.
So viel, bevor ich Umfragen darüber kenne, wie das "Duell" bei der Wählern angekommen ist.

Montag, 26. September 2016

Englischlernen mit Amnesty, vielleicht auch mehr?



Just last week, Amnesty crisis investigators identified dozens of makeshift* graves that dot the landscape of a refugee camp in the desert between Jordan and Syria known as the berm. This camp has been cut off from aid for months.

* behelfsmäßig

Imagine the grief of burying your son, daughter, mother or father in this no man’s land.

But there is something you can do to help. Amnesty’s membership drive ends on Friday.


Satellite imagery we use to monitor places that are otherwise inaccessible show that a year ago, the makeshift camp had 368 shelters. Today, it has 8,295. We estimate 75,000 people live there.

Amnesty crisis investigator Tirana Hassan wrote me, “It's a desperate picture for people trapped at the berm. Food is running out and disease is rife. In some cases, people are suffering or even dying from preventable illnesses, simply because they are not allowed into Jordan and the authorities have blocked access for aid, medical treatment and a meaningful humanitarian response.




"Stellen Sie sich den Schmerz Ihrer Are, Tochter, Mutter oder Vater in ESTA Niemandsland begraben.

Aber es gibt etwas, Ihnen zu helfen tun können. Amnesty Mitgliedschaft Laufwerk endet am Freitag.

Bitte spenden. Ihr Geschenk wird zweimal die Auswirkungen, wenn Sie es jetzt machen.

Satellitenbilder wir verwenden, um zu überwachen, die Orte nicht zugänglich sind zeigen Ansonsten dass vor einem Jahr, das Lager 368 Notunterkünften HAD. Heute hat es 8295. Wir schätzen, 75.000 Menschen leben dort.


Amnesty Ermittler Krisen Tirana Hassan schrieb mir: "Es ist ein verzweifelter Bild für die Menschen auf der Berme gefangen. Das Essen ist knapp, und Krankheit ist weit verbreitet. In einigen Fällen Menschen leiden oder sogar an vermeidbaren Krankheiten sterben, weil sie einfach nicht in Jordanien erlaubt und den Behörden blockiert den Zugang zur Hilfe nicht zur Verfügung, medizinische Behandlung und eine sinnvolle humanitäre Antwort. "

Sonntag, 25. September 2016

Wie entstehen unsichtbare Mauern zwischen Stadtvierteln?

Durch Bauvorschriften. Sieh ZEIT 22.9.16, S.24
"Oft verhindern diese Vorschriften, dass bezahlbarer Wohnraum in wohlhabenden Gegenden entsteht."

Aber auch ohne Bauvorschriften kann bezahlbarer Wohnraum verhindert werden, nämlich, indem man ihn beseitigt:
"Gentrifizierungsprozesse laufen nach typischen Mustern ab: Wegen niedriger Mietpreise sowie zunehmend attraktiver Lage werden einzelne Stadtteile für „Pioniere“ (Studenten, Künstler, Subkultur) attraktiv. Diese werten die Stadtteile durch kulturelle Aktivitäten auf und setzen einen Segregationsprozess in Gang. Künstler etablieren sich und bringen weitere Interessenten in die Stadtteile. Studenten steigen ins Berufsleben ein, verdienen mehr Geld als zuvor und gründen Familien, womit ihre Wohnflächenansprüche zunehmen; damit hängt die Gentrifizierung also nicht immer vom Zuzug neuer Bewohner ab. Investoren sehen Chancen zur Wertsteigerung, Häuser und Wohnungen werden aufgekauft und restauriert, Szene-Clubs und Lokale entstehen – es steigen die Mieten, und finanziell Schwache wandern ab. DieBevölkerungsstruktur und der Charakter der Viertel wandeln sich. Die Gentrifizierung geht einher mit einem allgemeinen Segregationsprozess.
Nach der Theorie vom „doppelten“ Invasions-Sukzessions-Zyklus[12] stellen bereits die Studenten und Künstler die ersten „Invasoren“ dar. Sie verdrängen andere soziale Gruppen und schaffen ein neuartiges soziales Milieu, das besser in Wert gesetzt werden kann (Sanierungen) und damit das Umfeld zur zweiten „Invasorenwelle“, den sogenannten „Gentrifiers“, schafft. Die vorherigen Gruppen werden immer stärker verdrängt, und es erfolgt eine Aufwertung von innenstadtnahen, ehemals marginalen Wohnvierteln (ein Prozess von Reurbanisierung). Chris Hammnett zufolge wirkt sich die Gentrifizierung nicht nur auf die Bewohnerschaft, sondern sehr intensiv auf das Wohnungs- und Raumangebot und dessen Qualität aus („Luxussanierung“)." (Gentrifizierung in Wikipedia)