Montag, 30. März 2015

Osterhammel: Weltgeschichte 1880-1914 (Textausschnitte)

Die Welt 1880-1914 (in: Jürgen Osterhammel: Informationen zur politischen Bildung Nr.315) 

Massenauswanderung und Globalisierungsschub 
"[...] Unter „Globalisierung“ versteht man die gleichzeitige Zunahme von Interaktionsdichte und Interaktionsgeschwindigkeit über große Entfernungen hinweg, letztlich in planetarischem Umfang. Seit seinem Beginn im 16. Jahrhundert ist dieser Globalisierungsprozess durch eine Reihe von Schüben vorangebracht worden. Ein besonders wichtiger fand in den letzten drei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg statt. Von den technologischen Grundlagen in Verkehr und Telegrafie war bereits die Rede. In welchen anderen Formen zeigte sich die verstärkte Globalisierung um die Jahrhundertwende? [...]
Kollektive Wanderungen – auch Zwangswanderungen wie der atlantische Sklavenhandel – gehören zum Bild der gesamten Neuzeit. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erreichten sie quantitativ eine neue Dimension. Große Wanderungen zu Lande fanden im Zarenreich statt. Dort war 1861 die Bindung der Bauern an die „Scholle“ aufgehoben worden. Innerhalb der folgenden zehn Jahre strömten rund 13 Millionen Landbewohner in die Großstädte und Bergbaugebiete Russlands, wo in diesen Jahren die Industrialisierung begann. Umfangreicher und auffälliger waren die Atlantiküberquerungen.
Die europäische Auswanderung in die Neue Welt hatte in den 1820er-Jahren bedeutend zugenommen. Während des gesamten Zeitraums zwischen circa 1820 und 1930 (als die Weltwirtschaftskrise die Migrationsströme abbrechen ließ) überquerten 50 bis 55 Millionen Menschen den Atlantik, die meisten von ihnen, um sich in Amerika permanent anzusiedeln. Während desselben Zeitraums verließen ungefähr 42 bis 48 Millionen Inder und Südchinesen ihre dicht bevölkerten Heimatländer und suchten Arbeit in Südostasien (die Inder in Burma, die Chinesen in Indonesien), Afrika, der Karibik oder dem Westen der USA. Diese beiden Migrationssysteme, das atlantische und das asiatische, wurden in ähnlicher Weise von zwei Hauptfaktoren angetrieben: (1) der Flucht der Menschen vor Elend und – ganz besonders im Falle der jüdischen Auswanderer aus dem Zarenreich – vor Verfolgung sowie (2) den Beschäftigungsanreizen, die von boomenden Hochlohnsektoren in Übersee ausgingen. [..]

Die Aufteilung Afrikas 
Die erstaunlichste Veränderung der politischen Landkarte nach 1880 erfolgte durch die koloniale Besetzung Afrikas. Zwischen 1881 und 1890 geriet der größte Teil des riesigen Kontinents unter europäische Kontrolle. Mit der Verwandlung des Königreichs Marokko in ein französisches Protektorat wurde diese Aufteilung Afrikas 1912 faktisch abgeschlossen. Nur Äthiopien, das 1896 einer italienischen Armee eine militärische Niederlage zugefügt hatte, und Liberia in Westafrika, seit 1847 als Zufluchtsort von Afro-Amerikanern eine unabhängige Republik, blieben von europäischer Herrschaft frei. [...]

Mit Soldaten, Administratoren und Kaufleuten kamen auch christliche Missionare, die in einigen Fällen als erste in unwegsame Landesteile vorstießen. Die christliche Mission war ein fester Bestandteil der europäischen Präsenz. Missionare äußerten sich aber auch zuweilen kritisch gegenüber den Exzessen europäischer Herrschaftsausübung. Sie brachten durch den Kampf gegen verbliebene Reste von Sklaverei, durch Missionsschulen, medizinische Versorgung und zuweilen durch eine Verbesserung der gesellschaftlichen Stellung von Frauen wichtige Elemente der Moderne nach Afrika. Andererseits war die Mission dort problematisch, wo sie Afrikaner zwangsweise ihren einheimischen Traditionen entfremdete, wo sie Familien trennte und Wohlfahrtsleistungen nur im Tausch für Bekehrung anbot. Das Christentum fasste in den außerislamischen Gebieten Afrikas viel fester Fuß als in Asien, wo es heute mit Ausnahme Südkoreas und der Philippinen nirgendwo eine große Rolle spielt. Im Afrika hingegen überlebte es vielfach die Kolonialzeit. [...]

Imperialismus in Ost- und Südostasien 

Die Ausdehnung des europäischen Einflusses in Asien war weniger spektakulär als die Unterwerfung Afrikas. Zum einen gingen die Anfänge der Kolonialgeschichte einiger Gebiete Asiens bis in das späte 16. Jahrhundert zurück; zum anderen wurden einige Teile Asiens vor 1914 keiner europäischen Kolonialherrschaft unterworfen. Dazu gehörten die Türkei, die Levante, Arabien, Iran, Afghanistan, die inneren Provinzen Chinas, Siam (das heutige Thailand) und selbstverständlich Japan.
Abgesehen von Indien, wo die Briten keine Konkurrenz zu fürchten hatten, war Südostasien der am intensivsten kolonisierte Teil des Kontinents. [...] 

In China herrscht bis heute eine verständliche Empörung über die „Schmach“, die dem Land von den imperialen Mächten im 19. Jahrhundert zugefügt wurde. Es muss dabei jedoch gesehen werden, dass die Einbindung Chinas in die Weltwirtschaft viel schwächer blieb als in den Fällen Indiens, Südostasiens oder Südafrikas. China war zu arm, um die Hoffnungen derjenigen im Westen erfüllen zu können, die in ihm einen gigantischen Absatzmarkt sahen. Nach dem Ende der Opiumimporte in den 1870er-Jahren hat es diese Funktion als Markt nie wieder gespielt. Auf der anderen Seite produzierte China – außerhalb der auf Japan hin umgepolten Mandschurei – sehr wenige weltmarkttaugliche Produkte. In mancher Hinsicht war seine Verwicklung in den globalen Handel in der frühen Neuzeit stärker gewesen. Denn seine klassischen Exportgüter verlor das Chinesische Kaiserreich an seine asiatischen Konkurrenten [...]

Der Aufstieg der USA zur Weltmacht 

Kein anderer Vorgang auf der internationalen Bühne sollte solch weitreichende Konsequenzen haben wie der Aufstieg der USA nach dem Bürgerkrieg. Um 1870 waren die USA ein allgemein respektierter Koloss ohne größeren Einfluss auf das Weltgeschehen außerhalb des eigenen Kontinents. 1919, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, wurde erstmals der amerikanische Präsident, damals Woodrow Wilson, als der mächtigste Mann der Welt anerkannt, der der Friedensregelung für Europa und den Nahen Osten seinen Stempel aufdrückte. Während der fünf Jahrzehnte, die zwischen diesen Daten lagen, hatten die USA einen doppelten Aufstieg erlebt, wirtschaftlich und machtpolitisch. Dabei ging die ökonomische Erstarkung der politischen zeitlich voraus und war überhaupt deren Voraussetzung. Die USA waren ein Industrialisierer der zweiten Generation gewesen. Nun zogen sie an dem Pionier Großbritannien vorbei. [...] 

Auf der Landenge von Panama sicherten sich die USA souveräne Rechte und gruben dort einen Kanal zwischen den Ozeanen, der 1914 eröffnet wurde. 1898 siegten sie in einem Krieg über Spanien und eigneten sich nach einem Krieg gegen eine nationale Unabhängigkeitsbewegung die ehemals spanische Kolonie der Philippinen an. Das bis dahin ebenfalls spanische Kuba wurde in der Folgezeit zu einer Art von Protektorat der USA. Die Vereinigten Staaten, selbst aus einem antikolonialen Befreiungskampf hervorgegangen, waren zu einer Kolonialmacht geworden. Ihre globalen Wirtschaftsinteressen gingen weit über das kleine Kolonialreich hinaus. Dass die USA einmal in einen europäischen Krieg eingreifen würden, war im Sommer 1914 freilich noch undenkbar. Spätestens 1917, als dies geschah, begann in einem weltpolitischen Sinne das 20. Jahrhundert. 

Die wissenschaftliche Grundlage für seine vereinfachte Darstellung der Weltgeschichte für Schüler hat Osterhammel 2009 in folgendem Werk gelegt:
Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts
  • Wie kann man Osterhammels Aussagen den Kategorien Zeit und Ort und/oder einigen der Panoramen und Themen seines wissenschaftlichen Werkes "Die Verwandlung der Welt" zuzuordnen.
  • Wie unterscheidet sich die Darstellungsweise?
  • Weshalb wählt er für Schüler eine Darstellungsweise, die so viel konventioneller ist als sein wissenschaftlicher Ansatz? 

Samstag, 28. März 2015

Osterhammel: Weltgeschichte 1850-1880 (Textausschnitte)

Die Welt 1850-1880 (in: Jürgen Osterhammel: Informationen zur politischen Bildung Nr.315)

Die großen Bürgerkriege und ihre Folgen: USA und China

[...] Der nordamerikanische Sezessionskrieg (1861-65) und die Taiping-Revolution in China (1850-64) waren mit großem Abstand die blutigsten Konflikte der Epoche. Der Amerikanische Bürgerkrieg forderte vermutlich 620 000 militärische Tote, die indirekten Opfer nicht gerechnet. Die Taiping-Revolution verwüstete ganze Landstriche auf Jahrzehnte hinaus; die Gesamtzahl der durch sie verursachten Todesfälle könnte – es sind nur grobe Schätzungen möglich – etwa 30 Millionen erreicht haben. [...]
Als im November 1860 der Republikaner Abraham Lincoln (1809-1865), ein Gegner der Sklaverei (wenngleich keiner der radikalsten), zum Präsidenten gewählt wurde, nahmen dies die Extremisten in den Sklavenstaaten zum Anlass, den Austritt des Südens aus der Union zu erklären (daher „Sezession“). Wenig später proklamierten sie einen eigenen souveränen Staat, die Confederate States of AmericaDer agrarische Süden war dem teilweise industrialisierten Norden an Ressourcen weit unterlegen. Niemals war es denkbar, dass er den Norden besiegt hätte. Die zuweilen brillante südliche Kriegführung hätte aber möglicherweise ein Patt erzwingen können und damit eine Teilung des nordamerikanischen Kontinents in drei Großstaaten herbeigeführt: Kanada (damals noch eine Ansammlung britischer Kolonien), die USA und die Konföderation. Dem stand Lincolns Wille entgegen, die Vereinigten Staaten in ihrer bestehenden Form um jeden Preis zu erhalten. Als während des Krieges im Norden die Stimmung gegen die Sklaverei stieg, setzte Lincoln seine moralische Ablehnung der Sklaverei in Politik um und proklamierte eine allgemeine Sklavenbefreiung zum 1. Januar 1863. (S.47)
Nun wurde das Ende der Sklaverei zu einem offiziellen Kriegsziel des Nordens. Freie Schwarze und befreite Sklaven schlossen sich den Unionsarmeen an. Jedem, auch im Ausland,/ wurde klar, dass zwei unvereinbare Gesellschaftsordnungen gegeneinander kämpften. Die Kapitulation der Konföderation im Mai 1865 stärkte weltweit liberale und demokratische Strömungen. (S.47/48)
Auch in China erhob sich, geografisch gesehen, der Süden gegen den Norden. [...] Die Bewegung der Taiping, die ein „Himmlisches Reich des Großen Friedens“ (chin.: Taiping tianguo) errichten wollte, entstand aus der Anhängerschaft des religiösen Propheten Hong Xiuquan (1814-1864) [...]. Hong konnte nur deshalb seine frühe Gefolgschaft zu einer riesigen Armee ausweiten, weil es damals in China viel Anlass für sozialen Protest gab, vor allem eine Wirtschaftskrise als Folge des Opiumkrieges (1840-42) und der beginnenden „Öffnung“ Chinas. [...]
Die kaiserliche Ordnung überlebte, allerdings nachhaltig geschwächt. Reformen, die in der Nach-Taiping-Zeit eingeleitet wurden, blieben zaghaft und vermochten China gegenüber den imperialistischen Mächten nicht nachhaltig zu stärken. (S.48)

Defensive Modernisierung: Japan 

Japan war seit dem frühen 17. Jahrhundert ein Land, das sich, begünstigt durch seine Insellage, von der Außenwelt noch viel gründlicher abschottete als China. Man war über Kontakte mit Niederländern, die als einzige Europäer in begrenztem Umfang Schiffe nach Japan schicken durften, im Groben über Europa und das Vordringen der europäischen Kolonialmächte in Asien unterrichtet. Die japanische Elite, bestehend aus dem obersten Militärherrn (dem Shogun), etwa 250 Territorialfürsten und deren Kriegern und Verwaltern (den Samurai), hatte jedoch keine Strategie zur Hand, als die USA 1853 auf der Öffnung Japans für westliche Diplomaten und Kaufleute beharrten. Während der folgenden 15 Jahre begannen Großbritannien und die USA mit dem Aufbau einer politischen und wirtschaftlichen Repräsentanz im Inselreich. Zugleich rang die japanische Elite um eine Antwort auf die westliche Herausforderung.
1868 beseitigte ein nahezu unblutiger Putsch von jungen Vertretern der Feudalaristokratie aus südlichen Landesteilen die seit einem Vierteljahrtausend bestehende Herrschaft der Shogune. Stattdessen wurde die längst zum Ornament degradierte Institution des Kaisers wiederbelebt. Fortan regierte eine kleine Oligarchie im Namen des Monarchen. Diese Meiji-Restauration oder Meiji-Erneuerung, wie sie in Japan genannt wird, war in Wirklichkeit eine Revolution „von oben“. [...] In den Jahren nach 1868 wurde das Land dem radikalsten Sozialexperiment des 19. Jahrhunderts unterzogen. Die alte Statushierarchie wurde abgeschafft, darunter auch die privilegierte Gruppe der Samurai, aus der die Oligarchen selbst stammten. [...] Japan wurde politisch vollkommen umorganisiert. [...] Japan verwandelte sich in ein unitarisches Land ohne den in Deutschland bewahrten Föderalismus. [...] Die Staatsfinanzen und die Währung wurden nach den Gepflogenheiten moderner Industriegesellschaften organisiert. Der Staat gab sogar – was in Europa sehr selten geschah – den Anstoß zu Industrialisierungsprojekten. Da Japan sich davor hütete, durch Anleihen vom Ausland abhängig zu werden (wie es gleichzeitig in China und im Osmanischen Reich geschah), lag die Last der Finanzierung der neuen Industrie auf der Bauernschaft, der extrem harte Steuern aufgebürdet wurden. 


Musterkolonie Indien und informeller Imperialismus in China 

[...] Vom kontinentalen Amerika [...] war europäische Kolonialherrschaft weitgehend verschwunden. Sie hielt sich noch auf den karibischen Inseln (mit Ausnahme des seit 1804 unabhängigen Haiti), deren weltwirtschaftliche Bedeutung dank der Abschaffung der Sklaverei jedoch zurückgegangen war. Allein Kuba, wo Sklaverei bis 1886 legal blieb, war eine exportorientierte Plantagenökonomie. [...]
Unter allen europäischen Imperien war das britische dadurch einzigartig, dass es in mehreren Kolonien Bevölkerungsmehrheiten europäischer Siedler gab, während die Einheimischen, ähnlich wie in den USA, militärisch besiegt, verfolgt und zurückgedrängt wurden. Dies galt außer für Kanada auch für Australien sowie Neuseeland, das seit 1840 zum British Empire gehörte. Diese Länder nannte man bald nicht mehr „Kolonien“, sondern Dominions, Herrschaftsgebiete, in denen die britische Krone ihre Kontrolle zunehmend auf Militär, Außenpolitik und (teilweise) Finanzen beschränkte. Ansonsten waren diese Länder nicht in die autoritäre Kommandostruktur der Kolonialverwaltung einbezogen. Sie regierten sich im Wesentlichen selbst und hatten Regierungen, die nach britischem Muster demokratisch gewählten Parlamenten verantwortlich waren. [...] (S.50) Kanada, Australien und Neuseeland blieben Teile des British Empire, waren aber am Vorabend des Ersten Weltkriegs in vieler Hinsicht zu selbstständigen Nationalstaaten geworden.
Auch im französischen Kolonialreich verlagerte sich der geografische Schwerpunkt. [...] Ein Neuaufbau eines französischen Kolonialreichs begann erst 1830 mit der brutalen Eroberung Algeriens, die um die Mitte des Jahrhunderts abgeschlossen war. Infolge einer umfangreichen Einwanderung aus Frankreich, Spanien und Italien war Algerien um 1870 zu einer Siedlerkolonie geworden. Anders als etwa in Australien bildeten hier die Einheimischen aber weiterhin eine Bevölkerungsmehrheit [...]. Algerien war fortan Frankreichs wichtigste Kolonie; es erhielt sogar den Sonderstatus, administrativ ein Teil des Mutterlandes zu sein. In Asien begann ein französisches Engagement 1862 mit der Eroberung von Saigon. Bis 1890 hatten die Franzosen ihre Kontrolle auf ganz Vietnam bis hoch zur chinesischen Grenze ausgedehnt.
Niederländisch-Ostindien (das heutige Indonesien) war ein Überrest aus Hollands goldenem Zeitalter als führende Welthandelsnation [...]. Im 19. Jahrhundert fehlten den Niederlanden die Machtmittel für eine aggressive Kolonialpolitik. Sie dehnten ihr Kolonialreich nicht weiter aus. [...]
Die bevölkerungsreichste und wirtschaftlich wie politisch wichtigste Kolonie von allen wurde Britisch-Indien. Es war das schiere Gegenteil einer Siedlungskolonie. Europäisch geführte Farmen oder Plantagen spielten hier (abgesehen von Teepflanzungen im nordöstlichen Assam) keine nennenswerte Rolle. Die Regierungsform kann man als despotisch-bürokratisch bezeichnen. Ein mächtiger Generalgouverneur bzw. Vizekönig stand an der Spitze einer bürokratischen Hie-rarchie, die aus gut ausgebildeten und sorgfältig rekrutierten Elitebeamten bestand. [...] Inder waren von den politischen Entscheidungen über ihr eigenes Schicksal ausgeschlossen. In Nischen des riesigen Landes ließen die Briten weiterhin rund 500 Fürsten gewähren, sorgten aber in diesem „System indirekter Herrschaft“ dafür, dass sie zu keiner militärischen Gefahr für die Kolonialmacht werden konnten. (S.51)
Indien war für die Briten in mehrfacher Hinsicht von größtem Interesse: Es war ein Prestigeprojekt, der führenden Weltmacht würdig. Es war ein großer Absatzmarkt für die Produkte der britischen Industrie, zuerst Baumwolltextilien, später Eisenbahnen. Es besaß eine bäuerliche Landwirtschaft, die sich derart besteuern ließ, dass sich die Kolonialherrschaft selbst finanzierte und zudem erhebliche Überschüsse in britische Kassen flossen. Und es konnte als ein gewaltiges Reservoir für tüchtige Soldaten dienen. Schon während der Eroberungsphase hatten diese die Mehrheit in der indischen Armee gebildet. Im späten 19. Jahrhundert wurden sie als imperiale Elitetruppen im gesamten Weltreich eingesetzt.

Genau diese indischen Truppen stürzten 1857 die britische Herrschaft in ihre größte Krise im 19. Jahrhundert. [...] Vorübergehend stand die britische Herrschaft über Indien auf Messers Schneide. Schließlich konnten sich die Briten gegen die Aufständischen [...] militärisch durchsetzen. In den Jahrzehnten nach diesem „Großen Aufstand“ war die britische Haltung gegenüber Indien von einem starken Misstrauen geprägt. Man verließ sich nunmehr auf besondere Truppenteile, etwa die loyalen Sikhs, und verzichtete darauf, durch modernisierende Reformen Unruhe in die indische Gesellschaft zu tragen. Die Kolonialherrschaft erstarrte [...].
Ein ganz anderes Modell der Expansion wurde in China angewendet. Obwohl der kaiserliche Staat seit dem frühen 19. Jahrhundert stark geschwächt war, den Opiumkrieg verloren und die Gefahr durch die Taiping nur knapp überstanden hatte, tat sich in China niemals ein Machtvakuum auf [...]. Schließlich zeigten schon früh mehrere Großmächte Interesse an der Erweiterung ihres Einflusses in China, sodass die Gefahr direkter Konflikte zwischen ihnen bestand. (S.52)

 [...] Die fremden Mächte sicherten sich das Recht der Niederlassung in den meisten von Chinas großen Städten (man nannte sie „Vertragshäfen“). Hongkong ganz im Süden und Shanghai an der mittelchinesischen Küste waren sogar regelrechte städtische Kolonien. Von diesen Stützpunkten aus konnten westliche Geschäftsleute den Handel mit dem Binnenland organisieren; [...]. Dieses System funktionierte bis 1895 so gut, dass eine Notwendigkeit von Kolonisierung indischen oder algerischen Typs nicht bestand. 

Kommunikationsrevolution und Standardisierung 

Im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts führten neue technische Systeme und neue länderübergreifende Institutionen dazu, dass die Welt zusammenrückte. Unter den technischen Systemen waren die wichtigsten die interkontinentale Dampfschifffahrt und die Telegrafie. [...] In manchen Verwendungen hielten sich Segelschiffe noch mehrere Jahrzehnte lang. Die schnellsten Segelschiffe aller Zeiten, die tea clippers, die frisch gepflückten Tee von Asien nach Europa brachten, verkehrten noch in den 1860er-Jahren. (S.53)

[...]  Bis 1880 war ein Dampfernetz entstanden, das Häfen auf allen Kontinenten verlässlich erreichbar machte. Ozeandampfer waren sicherer als Segelschiffe. [...] Erstmals gab es auch im Fernverkehr zu Wasser Fahrpläne. [...] In den 1850er-Jahren wurden die großen Städte Europas durch Telegrafenleitungen miteinander vernetzt. [...] 
Die letzte wichtige Lücke im globalen Netz wurde geschlossen, als 1903 das Transpazifikkabel zwischen San Francisco und Manila seinen Betrieb aufnahm. [...] Noch am Vorabend des Telegrafenverkehrs waren Briefe aus New York 14, aus Kapstadt 30, aus Kalkutta 35, aus Shanghai 56 und aus Sydney 70 Tage nach London unterwegs gewesen. Nun erreichte eine Kabelbotschaft um die halbe Welt ihren Empfänger innerhalb eines einzigen Tages. Telegrafenkommunikation war jedoch sehr teuer. [...] Von großer Bedeutung wurde sie für die Übermittlung von Aufträgen und Preisen im Welthandel, für Börsengeschäfte, Diplomatie, Militär sowie für die Nachrichtenagenturen [...]. Die Telegrafie war niemals imstande, große Datenmengen zu transportieren. [...] Insofern war die Telegrafie keine direkte Vorläuferin des Internet.
Telekommunikation verlangte Standardisierung. [...] Schon seit der Jahrhundertmitte wurde auf verschiedenen Ebenen erfolgreich nach Vereinheitlichungen gesucht. Eine solche Bildung großer Kommunikationsräume durch ausgehandelte Standardisierung charakterisierte zur gleichen Zeit auch andere Bereiche. Die nationalen Eisenbahnfahrpläne wurden allmählich in einen Europa-Fahrplan integriert. [...] Mitte der 1870er-Jahre hatte sich das metrische System weitgehend durchgesetzt; nur das British Empire betrachtete es mit Skepsis. Das Chaos regionaler und lokaler Zeitmessungen wurde 1884 auf der Internationalen Meridian-Konferenz in Washington beseitigt, als die Einteilung des Globus in Zeitzonen sowie eine internationale Datumsgrenze beschlossen wurden. Auf dem Gebiet des Rechts wurde es möglich, zu Übereinkünften zu gelangen, die Verträgen transnationale Gültigkeit verliehen, es also Gläubigern ermöglichten, ihre Schulden im Ausland einzutreiben. [...] Viele der Normierungen und Vereinheitlichungen, die noch heute selbstverständlich sind, gehen auf das dritte Viertel des 19. Jahrhunderts zurück.
Sie waren eng verbunden mit der Schaffung übernationaler Institutionen. Besonders wichtig war dabei der Freihandel, von Großbritannien als Pionier angeregt, der nach 1860 innerhalb weniger Jahre in fast ganz Europa eingeführt wurde. [...] Gegenüber asiatischen Staaten setzten die Briten den Freihandel mit Drohungen oder Waffengewalt durch und diktierten „ungleiche Verträge“, die einheimische Märkte ohne Zollschranken für westliche Produkte öffneten.
Eine weitere neuartige Institution in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen war der Goldstandard, ein Mechanismus zum Ausgleich von Währungsschwankungen. Damit war bis 1870 erstmals in der Geschichte ein umfassendes Weltwährungssystem geschaffen worden, dem sich vor dem Ende des Jahrhunderts mit Ausnahme Chinas alle großen Länder der Welt anschlossen. 


Die wissenschaftliche Grundlage für seine vereinfachte Darstellung der Weltgeschichte für Schüler hat Osterhammel 2009 in folgendem Werk gelegt:
Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts
  • Wie kann man Osterhammels Aussagen den Kategorien Zeit und Ort und/oder einigen der Panoramen und Themen seines wissenschaftlichen Werkes "Die Verwandlung der Welt" zuzuordnen.
  • Wie unterscheidet sich die Darstellungsweise?
  • Weshalb wählt er für Schüler eine Darstellungsweise, die so viel konventioneller ist als sein wissenschaftlicher Ansatz? 

Umgang mit Informationen zum German-Wings-Unglück

Eine Meldung vom 27.3. bestätigt den folgenden Kommentar:
Falsches Foto von Andreas L. – Eine Verwechslung und ihre EntstehungCo-Pilot Andreas L. aus Montabaur hat im Pass auch noch einen zweiten Vornamen: Günter. Und das wurde einem Andreas Günter zum Verhängnis. In Medien in aller Welt wurden Fotos gezeigt, die ihn zeigen, und seine Freundin wurde im Restaurant von 20 Journalisten förmlich überfallen….Quelle: Lars Wienand in der Rheinischen Post Online

Stephan Hebel Medien als Voyeure in FR 28.3.15
Wer sich an die Vorgabe des deutschen Pressekodex hielte, Vermutungen „als solche kenntlich zu machen“ und sich an das Rechtsgebot der Unschuldsvermutung bis zur juristischen Klärung zu halten, würde nie und nimmer tun, was jetzt in einer Vielzahl von Medien zu erleben ist. Da wird der wahrscheinliche Verlauf des Unglücks schlicht wie eine Tatsache dargestellt, als wäre alles bewiesen. Und: Von „Bild“ (weniger verwunderlich) bis „Zeit online“ und „faz.net“ (erstaunlich) wird der volle Name des Kopiloten genannt, auch auf Fotos ist der Mann zu erkennen.Der Online-Chef der „FAZ“, Mathias Müller von Blumencron, hat diese Entscheidung mit dem Auftrag der Medien zur Aufklärung begründet. Was er aber unter Aufklärung versteht, das gleicht einer Gebrauchsanweisung für unseriösen Boulevard-Journalismus: „Die Opfer und die Öffentlichkeit haben ein Recht darauf zu erfahren, wer das Unglück ausgelöst hat. Unter welchen Umständen es auch immer geschah. (...) Die Lösung ist nach gegenwärtigem Stand nur in der Person des Kopiloten zu finden. Wir müssen uns mit ihm beschäftigen, wir müssen ihn ansehen, wir dürfen ihn sehen.“Ja, richtig: Opfer und Öffentlichkeit haben ein Recht zu erfahren, was wie geschah. [...] Aber dreimal Nein: Wir müssen ihn dafür nicht sehen! Wir müssen der Familie, schon doppelt getroffen durch den Tod des Sohnes und seine wahrscheinliche Tat, nicht auch noch das dritte Leid zufügen, vor aller Welt der Sensationslust preisgegeben zu werden. Es grenzt an Zynismus, so etwas mit „Aufklärung“ zu begründen.

Michael Lüders "Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet" (Der Nahostkonflikt im Zusammenhang)

Michael Lüders "Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet" 2. Aufl. 2015

Michael Lüders "beschreibt die Fehler und Skandale westlicher Politik mit dem Ausgangs-Sündenfall der Ermordung des iranischen Premierministers Mohammed Mossadegh am 19. August 1953. Das wird die Flucht der bösen Tat werden, die nachfolgend weitere böse Taten produzierte und bis heute nicht beendet ist. Auch durch die totale Panzerung der westlichen Welt, die eines nicht versteht, obwohl sie von ihren christlichen Wurzeln her dazu prädestiniert wäre: Sie kann eigene Fehler nicht zugeben. Der Autor lässt kein Schlupfloch, wir im Westen halten uns immer für die Guten, sind es aber nicht. Denn wir führen weiter eine Kumpanei an mit dem Wahhabismus Saudi Arabiens, der im Grunde genauso schlimm ist wie Al Qaida und der IS. Wir folgen sklavenhaft und unerbittlicher der US-amerika-nischen Politik, obwohl eine eigenständige Politik Europas schon längst den arabischen Raum und Nordafrika hätte gewinnen und auch den Staat Palästina längst hätte begründen können." (Rupert Neudeck)
(zum Text der Rezension*)
*Neudeck stellt darin die provozierende Frage: "Betrachten wir ethische und völkerrechtliche Normen als universale oder müssen Palästinenser, Araber und Muslime hier und da Abstriche hinnehmen, auf Grund der von Deutschen eingerichtetes Todesfabrik Auschwitz?"

Auch wenn man sich mit der Geschichte des Nahen Ostens und des Islamismus schon auszukennen glaubt, kann man diesem Buch eine Fülle weiterer wichtiger Informationen entnehmen. So auch zu dem einen - zumindest vorläufig - erfolgreichen Ergebnis des Arabischen Frühlings, bei Tunesien (S.131-134).
Klarsichtig zeigt er auf, was der Westen durch seine Zerschlagung der diktatorischen Regime in Irak und Libyen für ein Chaos angerichtet hat, und weist er darauf hin, dass es den westlichen Staaten im Nahen Osten nicht primär um "freiheitliche und liberale Werte" geht, sondern um die Beibehaltung des Status quo ("In Wirklichkeit geht es selbstverständlich nicht um Werte, sondern um die Beibehaltung eines Status quo, der Washington und den Europäern nützlich erscheint." S.127) Er kann aber nicht glaubhaft vermitteln, weshalb in diesem Fall die Beseitigung des Status nicht zu solchen einem Chaos führen würde wie im Irak, in Libyen und in Syrien. Tunesien ist doch zu sehr ein Sonderfall. 
Wenn er am Beispiel Chinas darauf hinweist, dass es nicht unbedingt einer Reformation und Aufklärung bedarf, um Staaten zu wirtschaftlichen Erfolg zu führen (S.129), so muss er doch eingestehen, dass der Erfolg dort auch ohne Rechtsstaat erreicht worden ist, obwohl er doch den für notwendig hält. ("Dennoch sind nicht Reformation und Aufklärung  das entscheidende Kriterium für gesellschaftliche Entwicklung und Pluralität, sondern Rechtsstaatlichkeit." S.129)


Freitag, 27. März 2015

Osterhammel: Weltgeschichte 1800-1850 (Textausschnitte)

19. Jahrhundert, Informationen zur politischen Bildung Nr.315 von Jürgen Osterhammel (S.22-29) - Eine kurze Weltgeschichte von 1800-1850 für Schüler

      Transatlantische Verbindungen und Trennungen




"Um 1800 waren die einzelnen Teile der Erde noch sehr weit von einander entfernt. Von einem Kontinent zum anderen gelangte man nur durch gefährliche und beschwerliche Seereisen. Von England aus war ein Schiff nach China vier bis fünf Monate unterwegs. [...] Nirgendwo, auch nicht über den Nordatlantik hinweg, gab es einen fahrplanmäßigen Schiffsverkehr, von Tourismus ganz zu schweigen. [...] Um 1800 hatten die europäischen Mächte keineswegs schon den überwiegenden Teil der Erdkugel unter ihre Herrschaft gebracht. In Afrika war nur die Südspitze des Kontinents niederländisches, dann britisches Kolonialgebiet.
In Asien hielten sich winzige portugiesische Küstenenklaven (Goa in Indien, Macau in China) als Reste eines verschwundenen Handelsimperiums. Bedeutenden Kolonialbesitz [...] unterhielten nur die Niederlande im heutigen Indonesien sowie die Briten, deren halboffizielle East India Company seit den 1760er-Jahren Territorialherrin in Bengalen (mit der Hauptstadt Kalkutta) war und um 1800 erfolgreich Kriege zur Ausweitung ihres Herrschaftsbereichs führte. Französische Versuche, sich in Asien festzusetzen, waren gescheitert. [...]

Viel tiefer hatte sich der europäische Kolonialismus in der westlichen Hemisphäre eingewurzelt. Dort war er aber in den 1760er-Jahren in eine tiefe Krise geraten. Diese Krise hatte 1776 dazu geführt, dass 13 der britischen Kolonien in Nordamerika ihre Unabhängigkeit erklärten. Sie siegten in einem Krieg gegen das vormalige Mutterland und gaben sich 1787 eine gemeinsame Verfassung. 1789, im Jahr der Französischen Revolution, nahmen die Organe eines neu gegründeten Staates – Präsident, Senat und Repräsentantenhaus – ihre Arbeit auf: die der Vereinigten Staaten von Amerika. Die USA waren durch Sezession ohne verbleibende Bindung aus dem British Empire ausgeschieden.
Die imperiale Krise der 1760er-Jahre hatte auch das große spanische Reich in der Neuen Welt erfasst. [...] Aus dem riesigen spanischen Imperium wurde ein Mosaik von 16 souveränen Staaten: großen wie Mexiko, Venezuela oder Argentinien, kleinen wie Panama oder Honduras. Unter anderen Umständen löste sich Brasilien 1822 von Portugal und machte sich zu einem selbstständigen Kaiserreich. Nur die Inseln Kuba und Puerto Rico verblieben bis 1898 in spanischer Hand.
Die Unabhängigkeit Lateinamerikas war die umfassendste Veränderung der politischen Landkarte in der gesamten Neuzeit. Fügt man hinzu, dass Napoleon 1803 die riesigen französischen Besitzungen in Nordamerika, die sich heute auf 15 Bundesstaaten verteilen, an die USA verkaufte, so zeigt sich, dass zwischen 1783 – als die späteren USA nach ihrem militärischen Sieg über Großbritannien de facto selbstständig wurden – und 1826 aus einem vom arktischen Norden bis in den tiefen Süden von Europa kolonisierten Kontinent eine Welt post-imperialer Nationalstaaten geworden war; nur Kanada blieb britisch." 
"Die Inselwelt der Karibik ging einen anderen Weg als das Festland. Dort behauptete sich der europäische Kolonialismus. Eine Ausnahme bildete die französische Kolonie Saint-Domingue, die westliche Hälfte der Insel Hispaniola. Saint-Domingue war die wirtschaftlich produktivste und profitabelste Kolonie des französischen Ancien Régime. Hunderttausende von Sklaven, die aus Afrika herbeigeschleppt worden waren, bauten dort für französische Pflanzer Zucker und Tabak an, „Kolonialwaren“ für europäische Kunden. Nachrichten vom Ausbruch der Französischen Revolution weckten Freiheitshoffnungen in allen Teilen der Bevölkerung. [...] Vorübergehend schien sich die Möglichkeit eines autonomen Sonderstatus innerhalb des französischen Staatsverbandes abzuzeichnen. Sie wurde verspielt. Am Ende eines blutigen Tumults, der insgesamt von 1791 bis 1804 dauerte, stand die Gründung des neuen Staates Haiti – das erste Beispiel für einen erfolgreichen anti-kolonialen Befreiungskampf von Nicht-Weißen. Die Haitianische Revolution bildet eine wichtige Episode in der Geschichte revolutionärer Wechselwirkungen über den Atlantik hinweg in den Jahrzehnten um 1800." (S.22-23)

Agrarische Imperien und ihr Niedergang
"Während sich in Amerika die europäischen Kolonialreiche auflösten, gerieten in Asien die seit langem etablierten agrarischen Monarchien in eine tiefe Krise. In Indien war bereits im frühen 18. Jahrhundert das vordem riesige und mächtige Mogulreich in Teilstaaten zerfallen. Erst diese Zersplitterung hatte es den Briten erlaubt, in Bengalen Fuß zu fassen und von dort aus – dies war bis 1818 geschehen – große Teile des Subkontinents zu erobern. So weit kam es in anderen Teilen Asiens einstweilen noch nicht. Der im 17. Jahrhundert starke und kulturell blühende Iran wurde Opfer nicht europäischer, sondern afghanischer Invasionen. Dennoch war die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Wendezeit für Asien, denn das bis dahin bestehende ungefähre Gleichgewicht zwischen Asien und Europa verschwand. 
Europa, vor allem vertreten durch das wirtschaftlich dynamische Großbritannien, konfrontierte Asien mit militärischen und kulturellen Herausforderungen, auf die eine Antwort schwerfiel. Keine der agrarischen Monarchien erwies sich als reformfähig genug, um dem Westen Widerstand leisten zu können." (S.24)

Die eigenständige Entwicklung der USA
"[...] Zum Zeitpunkt der Gründung der USA 1789 wusste man an der Atlantikküste so gut wie nichts über das Innere und den Westen des eigenen Kontinents. [...] Die Erschließung des Westens dauerte bis zum Ende des Jahrhunderts und wurde zu einem der großen Themen des US-amerikanischen Selbstverständnisses. Dieses Voranschieben einer Siedlungsgrenze, der frontier, war mit brutalem Vorgehen gegenüber der indianischen Bevölkerung verbunden." (S.26)
"Kalifornien wurde anfangs nicht durch die Ost-West-Bewegung der agrarischen Frontier besiedelt, sondern von Abenteurern, die nach der Entdeckung von Gold im Jahre 1848 in diese Region strömten. Durch einen Angriffskrieg gegen Mexiko hatten die USA zu Beginn desselben Jahres den mittelamerikanischen Nachbarstaat zur Abtretung des größten Teils Kaliforniens gezwungen. Das Staatsgebiet der USA wurde seit der Unionsgründung kontinuierlich erweitert. [...] Die Einbeziehung der neuen Territorien in den Zusammenhang der Föderation gehört zu den erstaunlichsten Leistungen politischer Organisation in der Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts. So wurde verhindert (was durchaus / denkbar gewesen wäre), dass sich auf nordamerikanischem Boden, ähnlich wie in Süd- und Mittelamerika, mehrere unabhängige Staaten bildeten." (S.27/29) "Die territoriale Expansion schuf aber mindestens ein zentrales Problem: die Ausdehnung der Sklaverei in die neu angeschlossenen Gebiete. Die Einfuhr neuer Sklaven in die USA war 1808 durch Bundesgesetze verboten worden. Die Sklaverei jedoch blieb weiterhin erlaubt. Sie wurde mehr denn je zur wirtschaftlichen Grundlage einer boomenden Plantagenproduktion, vor allem von Baumwolle, in den Südstaaten und zur zentralen gesellschaftlichen Institution in diesen Teilen der USA. Da sich die Sklavenbevölkerung in den USA, anders als in der Karibik, ohne neuen Zustrom selbst vermehrte, herrschte an schwarzen Arbeitskräften kein Mangel. Im Norden, das heißt nördlich von Virginia und Kentucky, war die Sklaverei nach 1780 durch einzelstaatliche Gesetzgebung schrittweise abgeschafft worden. Den neu an die Union angeschlossen Staaten wurde es nicht länger anheimgestellt, sich selbst für oder gegen die Sklaverei zu entscheiden („Missouri-Kompromiss“ von 1820)." (S.29)
Pax Britannica als Weltordnung
"[...] Die einzige wirkliche Weltmacht im 19. Jahrhundert war Großbritannien. [...] Die Vernichtung von Napoleons Seemacht bekräftigte nach 1805 die maritime Vorrangstellung des Vereinigten Königreichs. [...] Das britische Weltreich unterschied sich von allen anderen zeitgenössischen Reichen dadurch, dass es (beim Stand von etwa 1850) neben Flächenkolonien wie Kanada, Australien, Neuseeland, Indien oder Südafrika ein weltweites System von Hafenstützpunkten unterhielt, die unter anderem der Proviantierung der Schiffe dienten. [...] Dabei verfolgte Großbritannien keineswegs die Politik, Verkehr und Handel auf den Ozeanen für sich zu monopolisieren.
Nachdem das britische Parlament mit Wirkung ab 1808 den Sklavenhandel verboten hatte, wurden das Aufbringen von Sklavenschiffen und die Befreiung der Sklaven zu einer weiteren, quasi-polizeilichen Daueraufgabe der Navy. Schließlich war die Flotte auch zu Kriegseinsätzen fähig. Nach der Einführung dampfgetriebener Kanonenboote, wie sie erstmals im Opiumkrieg gegen China eingesetzt wurden, besaß sie die Kapazität, im außereuropäischen Raum zur Durchsetzung imperialer Interessen lokal zu intervenieren und Druck auszuüben. Dampfschiffe hatten dabei den Vorteil, dass sie flussaufwärts fahren und Städte im Landesinneren bedrohen konnten.
Der Begriff des britisch durchgesetzten Friedens, der Pax Britannica, umfasst noch mehr. Zum einen bezieht er sich auf die Tatsache, dass die Briten nach der Eroberungsphase in vielen ihrer Kolonien für einen inneren Landfrieden sorgten. [...] Zum anderen bedeutete Pax Britannica, dass die britische Seeherrschaft durch die leistungsfähigste Ökonomie der Welt untermauert war. Die britische Wirtschaft war dabei in hohem Maße auf ihre weltwirtschaftliche Einbindung angewiesen. Ihre wichtigsten Rohstoffe, vor allem Baumwolle, bezog sie aus Übersee; ihre einträglichsten Absatzmärkte lagen außerhalb der heimatlichen Inseln. [...] Der Wiener Ordnung auf dem europäischen Kontinent entsprach keine per Konferenz und Verträge abgesicherte internationale Ordnung. Die Pax Britannica, gegen die vor den 1880er-Jahren keine der anderen Großmächte ernsthaften Protest anmeldete, fungierte als eine Art von Ersatz für eine solche Ordnung." (S.29)

Die wissenschaftliche Grundlage für seine vereinfachte Darstellung der Weltgeschichte für Schüler hat Osterhammel 2009 in folgendem Werk gelegt:
Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts
  • Wie kann man Osterhammels Aussagen den Kategorien Zeit und Ort und/oder einigen der Panoramen und Themen seines wissenschaftlichen Werkes "Die Verwandlung der Welt" zuzuordnen.
  • Wie unterscheidet sich die Darstellungsweise?
  • Weshalb wählt er für Schüler eine Darstellungsweise, die so viel konventioneller ist als sein wissenschaftlicher Ansatz? 

Mittwoch, 25. März 2015

Zensur im ZDF

im Was unmündige Fernsehzuschauer nicht erfahren sollen, verbreitet das ZDF nur über Twitter: wird unterdrückt.
Weshalb lief Werbung, aber kein Informationsband, weshalb "Die Anstalt" ausfiel?
Mir fällt es schwer, nicht an böse Absicht zu glauben.

Dabei war die Entscheidung schon lange gefällt und auf Twitter bekanntgegeben worden.

Tweets dazu:
Aufgrund der aktuellen Ereignisse entfällt die heute leider komplett im Programm!

 
In Stunden großer Tragödien ist gutes Kabarett mehr denn je gefragt. Doch das duckt sich wieder mal weg

 
markiert mit Aussetzung der Anstalt den dümmlichen Höhepunkt der heutigen Betroffenheits-Kampagne.



 

Sonntag, 22. März 2015

Plötzlich, vor vierzig-, fünfzigtausend Jahren

Professor Parzinger spricht über kulturelle Errungenschaften des homo sapiens und Kunst zur Zeit der Eiszeit (Vorsicht: Bei dem Link stößt man nicht nur auf ein Video, sondern auch auf Werbung.)

Wie kommt ein Wort in den Duden?

Natürlich kann im Deutschen jeder Wörter erfinden. Ob sie von den Scrabble-Mitspielern oder von Deutschlehrern akzeptiert werden, ist dann immer noch die zweite Frage.
Ich habe einmal bei "Gefüllte Kalbsbrust" das Wort "Insulanerhund" verwendet. Da ich der jüngste Mitspieler war, erntete ich zwar Spott, ich kann mich aber nicht erinnern, ob es anerkannt wurde oder nicht.  Im Familienkreis wurde das Spiel "Eulalia" genannt wurde, weil dieser ausgefallene Name (immerhin über 18 Millionen Fundstellen bei Google) von Mitspielern einer früheren Generation nicht anerkannt worden war.
Mein Insulanerhund kommt bei Google auf 8 Nennungen, wobei sich zwei auf dieselbe Textstelle beziehen.

Bei Scrabble ist heute der Duden der anerkannte Maßstab. Doch wie kommt ein Wort in den Duden?
Die Antwort findet man hier.

Donnerstag, 19. März 2015

In Griechenland wächst die Kluft zwischen Arm und Reich dramatisch

Steuerlast in Griechenland: Ärmere zahlen 337 Prozent mehr, Reichere 9 Prozent, SPON 19.3.15
Der harte Sparkurs in Griechenland verschärft die Armut in dem pleitebedrohten EU-Staat, wie eine neue Studie zeigt. Die nominalen Bruttoeinkommen privater Haushalte seien von 2008 bis 2012 um ein knappes Viertel gesunken, heißt es in einer Studie griechischer Wissenschaftler im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Für knapp die Hälfte des Rückgangs sind demnach Lohnkürzungen verantwortlich. [...]Insgesamt habe 2012 fast jeder dritte griechische Haushalt mit einem Jahreseinkommen von weniger als 7000 Euro auskommen müssen, heißt es. Die ärmsten Haushalte hätten fast 86 Prozent Einkommen verloren, die reichsten nur 17 bis 20 Prozent.
Ergänzend:
Griechenlands Tragödie ist der IWF, ZEIT online 26.3.15

Montag, 16. März 2015

Wissen (Osterhammel in: Die Verwandlung der Welt)

"'Wissen' ist eine besonders flüchtige Substanz. Als gesellschaftliche Größe, unterschieden von den verschiedenen Wissensbegriffen der Philosophie, ist es die Erfindung einer kaum hundert Jahre alten Wissenschaft, der Wissenssoziologie. Sie rückte das, was in der idealistischen Philosophie 'Geist' genannt worden war, in die Mitte der Gesellschaft, setzte es in Beziehung zu Lebenspraktiken und sozialen Lagen.
'Wissen' ist ein etwas enger gefasster Begriff als der alles umgreifende Begriff der 'Kultur'. [...] 'Wissen' bezieht sich in diesem Kapitel auf kognitive Ressourcen, die der Lösung von Problemen und der Bewältigung von Lebenssituationen in der realen Welt dienen. [...] Zumindest in Europa und Nordamerika kam damals ein rationalistisches und instrumentelles Verständnis von Wissen auf." (S.1105)

"Im 19. Jahrhundert wurde der alte Begriff der 'Wissenschaft' erstmals durch Aspekte angereichert, die wir heute fest mit ihm verbinden. Die Fächersystematik, wie sie immer noch verwendet wird, geht erst auf diese Epoche zurück. Moderne institutionelle Formen der Gewinnung und Verbreitung von Wissen wurden geschaffen: die Forschungsuniversität,
das Labor, das geisteswissenschaftliche Seminar. Die Beziehungen zwischen der Wissenschaft und ihren Anwendungen in Technik und Medizin wurden enger. Die Herausforderungen, die von der Wissenschaft für religiöse Weltbilder ausgingen, erhielten ein größeres Gewicht. Manche Disziplinbezeichnungen wie 'Biologie' - ein zuerst im Jahre 1800 verwendeter Terminus - oder 'Physik' setzten sich erst jetzt durch. Der 'Wissenschaftler' (auch dies ein neu geschaffenes Wort, in der englischen Fassung scientist 1834 geprägt) wurde zu einem eigenständigen sozialen Typus, der sich trotz mancher Überlappungen vom 'Gelehrten' oder 'Intellektuellen' (auch dies eine Neuschöpfung des
19. Jahrhunderts) unterschied." [...] Der Wissenschaftler sah sich als «Profi», als Fachmann auf einem klar umgrenzten Gebiet, den wenig mit dem wortkünstlerischen, eine breitere Öffentlichkeit ansprechenden, auch politisch engagierten «Intellektuellen» verband. Der Weg zu den «zwei Kulturen» war beschritten, und nur wenige Naturwissenschaftler wie Alexander von Humboldt, Rudolf Virchow oder Thomas H. Huxley suchten und fanden für ihre Ansichten zu außerwissenschaftlichen Fragen Gehör. 
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begannen sich Regierungen mehr denn je für Wissenschaft zu interessieren; Wissenschaftspolitik wurde zu einem neuen Zweig systematischer Staatstätigkeit. (S.1106)
Zunehmend sah auch die Große Industrie, etwa im Bereich der Chemie, naturwissen-/ schaftliche Forschung als ihre eigene Aufgabe an. (S.1106/07)
"Hatten im 17. und 18. Jahrhundert - bis hin zu Alexander von Humboldt [...] noch manche Heroen der «wissenschaftlichen Revolution» auf der materiellen Grundlage anderer Einkünfte für die Wissenschaft gelebt, so lebte man um 1910 von ihr. [...]  Ebenso wie die moderne, auf der Nutzung fossiler Energie beruhende Industrie in Europa entstand, so auch die heute konkurrenzlos dominierende Wissenschaft. [...] (S.1107) Die Mathematik, die übrigens nach etwa 1875 auch zu einer wichtigen Ausdrucksweise der Wirtschaftswissenschaft wurde, und einige natürliche Sprachen von transkontinentaler Verbreitung garantierten die Mobilität / wissenschaftlichen Sinns. Sprachen sind aber selbstverständlich auch die wichtigsten Vehikel für viele andere Arten von Wissen weit über die organisierte Wissenschaft hinaus. (S.1107/08) Verbreitung und Benutzung von Sprachen sind schließlich auch ein feines Anzeichen für die sich ständig wandelnde Geographie politischer und kultureller Gewichtsverhältnisse. (S.1108)

Weltsprachen
"Um 1910 hatten sich die 'Weltsprachen' [...] in einem Muster über die Erde verteilt, das noch heute weithin gültig ist. Man muss dabei zwei Aspekte unterscheiden [...]. Es ist etwas anderes, ob eine Bevölkerungsmehrheit eine fremde Sprache als ihr wichtigstes
Kommunikationsmedium im Alltag übernimmt,  [...] oder ob eine Sprache 'Fremd'-Sprache bleibt, dabei aber für gewisse funktionell bestimmte Zwecke verwendet wird: Handel, Gelehrsamkeit, religiösen Kultus, Verwaltung oder den transkulturellen Kontakt. Die Expansion von Sprachen wird durch politisch-militärische Reichsbildung erleichtert, ohne zwangsläufig aus ihr zu folgen. So verbreiteten sich in der frühen Neuzeit in Asien das Persische und das Portugiesische, ohne durch territoriale Kolonialherrschaft Portugals und des Irans getragen zu werden. [...] (S.1108) Portugiesisch hielt sich um den Indischen Ozean herum bis in die 1830er Jahre als Verkehrssprache einer multikulturellen Kaufmannskultur. (S.1108/09)  [...]  Bis ebenfalls in die 1830er Jahre spielte Persisch aber noch weiter seine alte Rolle als Verwaltungs- wie auch Händlersprache weit über die Grenzen des Irans hinaus. Beide, Portugiesisch wie Persisch, wurden danach durch das Englische abgelöst, das in Indien 1837 zur allein gültigen Sprache der Verwaltung erhoben und spätestens mit der Öffnung Chinas 1842 zum herrschenden nicht-chinesischen Idiom in den östlichen Meeren wurde. (S.1109)
"Die deutsche Sprache wurde nur in bescheidenem Ausmaß kolonial verbreitet [...]. Sie stärkte aber in der Folge der Reichsgründung von 1871 und des andauernden literarischen
und wissenschaftlichen Ansehens, das sie seit dem 18.Jahrhundert genoss, ihre Stellung in Ostmitteleuropa. Sie blieb Verwaltungssprache des Habsburgerreiches und gehörte bis zum Ende der Zarenzeit neben dem Französischen und dem Lateinischen zu den wichtigsten Sprachen, in denen die gelehrte Welt Russlands kommunizierte. [...] " (S.1109) "Das Russische expandierte in noch viel größerem Maße. Dies war eine unmittelbare Folge der zarischen Reichsbildung und / der kulturellen Russifizierung, die etwa seit der Mitte des 
19. Jahrhunderts mit ihr verbunden war. Russisch war die einheitliche Amtssprache des Imperiums." (S.1109/10) "Anders als die ethnisch extrem heterogene Armee des Habsburgerreiches, bestand das zarische Militär überwiegend aus Russisch sprechenden Soldaten. [...] Vor allem in den baltischen Provinzen im Nordwesten und den muslimischen
Ländern im Süden drang das Russische nicht über die Kreise russischstämmiger Siedler und Verwaltungsbeamter hinaus.
Zu einer Zeit, als die Maßstäblichkeit der französischen Sprache unter den Gelehrten und Gebildeten Europas allmählich zurückging, nahm die Zahl der Französischsprecher im Kolonialreich zu. Daneben hielt sich die frankokanadische Sprachgruppe in der Provinz Quebec, die seit 1763 nicht mehr zum französischen Reich gehörte. [...] In den Staaten, die ehemals zu Frankreichs westafrikanischem Kolonialreich gehörten, ist Französisch heute durchweg Amtssprache (in Kamerun neben Englisch), auch wenn es im Alltagsleben von gerade einmal 8 Prozent der Bevölkerung benutzt werden dürfte. Haiti hält noch zweihundert Jahre nach seiner revolutionären Trennung von Frankreich an Französisch als offizieller Sprache fest." (S.1110)
"So gehörte Französisch seit 1834 zum Trainingsprogramm osmanischer Eliteoffiziere, und in Ägypten behauptete sich auch nach der britischen Okkupation von 1882 in der Oberschicht das Franzö-/sische." (S.1110/11)
"Der größte Globalisierungsgewinner unter den Sprachen war im 19. Jahrhundert das Englische. Schon um 1800 eine in ganz Europa respektierte Sprache der Geschäfte, der Dichtung und der Wissenschaften, [...] war es spätestens um 1920 zur kulturell maßgebenden und geographisch am weitesten verbreiteten Sprache der Welt geworden. Eine grobe Schätzung besagt, dass für den Zeitraum von 1750 bis 1900 bereits die Hälfte der «einflussreichen» Publikationen zu (Natur-)Wissenschaft und Technik auf Englisch erschienen. [...] In Indien und Ceylon verbreitete sich das Englische nicht durch
europäische Siedler und erst recht nicht als Folge einer rabiaten Anglisierungspolitik
der Kolonialmacht, sondern durch eine Verbindung von
kulturellem Prestige und konkreten Karrierevorteilen, die eine Beherrschung
des Englischen ratsam werden ließen. [...] Um die Vorzüge und Nachteile englischsprachiger Erziehung im Vergleich zu einer solchen in den indischen Sprachen war in den 1830er
Jahren zwischen 'Anglizisten' und 'Orientalisten' heftig gestritten worden. Die Anglizisten hatten sich 1835 auf der Ebene der großen Politik durchgesetzt, aber in der Praxis waren pragmatische Kompromisse möglich. Der britische Sprachexport nach Indien war zugleich auch ein freiwilliger Import durch indische Bürger und Intellektuelle" (S.1111)
"Im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich das Englische mit britischen Kolonialadministratoren und Missionaren in Südostasien und Afrika. Im pazifischen Raum (Philippinen, Hawaii) waren US-amerikanische Einflüsse maßgebend. [...]" (S,1112)

Sprachtransfer als Einbahnstraße
"Der chinesische Staat, der in der Qing-Zeit offiziell dreisprachig war (Chinesisch, Mandschurisch, Mongolisch), hatte niemals eine Notwendigkeit verspürt, das Studium europäischer Sprachen zu fördern. Paradoxerweise war dies einer der Gründe für die hohe linguistische Kompetenz der Jesuitenmissionare während der frühen Neuzeit. Viele von ihnen eigneten sich das Chinesische so gut an, dass sie als Dolmetscher in kaiserlichen Diensten bei den Kontakten mit diplomatischen Gesandtschaften aus Russland, Portugal, den Niederlanden und Großbritannien vermittelten. Da die Ex-Jesuiten, die nach der Aufhebung ihres Ordens in China verblieben, kein Englisch konnten, mussten die Äußerungen der englischen Gesandten bei der ersten diplomatischen Kontaktaufnahme 1793 zum Teil erst ins Lateinische übersetzt werden [...]. Als nach 1840 diplomatische Verhandlungen von ganz anderer Tragweite geführt werden mussten, gab es diese Vermittler nicht mehr. China fehlte zunächst jegliches sprachlich geschulte Personal" (S.1112) "Die Qing-Regierung nahm erst nach der Niederlage im Zweiten Opiumkrieg 1860 einen Kurswechsel vor. 1862 wurde in Peking die Übersetzerschule Tongwenguan gegründet [...]. Der wichtigste Transferkanal für Fremdsprachen aber wurden die Missionsschulen und Missionsuniversitäten. [...] 
Nach 1800 wurde der japanischen Regierung erst allmählich klar, dass Niederländisch nicht die wichtigste Sprache Europas sei. Zunehmend wurde nun aus dem Russischen oder Englischen übersetzt. [...] Der neuerliche und intensivierte Import westlichen Wissens in der Meiji-Zeit wurde nur möglich, weil zusätzlich zur Anwerbung westlicher Experten nun systematisch Übersetzerkompetenz aufgebaut wurde." (S.1113)
"Europäische Fremdsprachen wurden im 19.Jahrhundert erst spät und sporadisch in den allgemeinen, staatlich verordneten Bildungskanon / nichteuropäischer Länder aufgenommen, die durchaus nicht selten selbst mehrsprachig waren, also etwa von Gebildeten Kenntnisse im Türkischen, Arabischen und Persischen verlangten. [...] Umgekehrt hat man in Europa niemals daran gedacht, eine nicht-okzidentale Sprache zur Ehre einer 'Schulsprache' zu erheben." (S.1114)

Sprachliche Hybridität: Pidgin
"Die Welt-Sprachen, verstanden als solche Sprachen, mit denen man sich auch außerhalb ihres jeweiligen Ursprungsgebietes verständigte, lagerten meist lose über einer Vielzahl von lokalen Sprachen und Dialekten. Sogar in Indien verstanden noch nach dem Ende der Kolonialzeit höchstens drei Prozent der Bevölkerung Englisch [...]. Vielfach erleichterten vereinfachte Mischformen die Kommunikation. [...] Nicht wenige PidginSprachen waren älter als der Kolonialismus. (S.1114)
Auch nachdem Latein 1713 als Diplomatensprache von Französisch abgelöst worden war, "benutzte man im östlichen Mittelmeer und in Algerien weiter die lingua franca (Sprache der Franken), eine Art von Pidgin-Italienisch.  In anderen Teilen der Welt, etwa in der Karibik und in Westafrika, entwickelten sich Kreolsprachen zu eigenständigen Sprachsystemen."  (S.1114)  
"'Pidgin'-Englisch, / zunächst Canton jargon genannt, war in einem langsamen Prozess seit
etwa 1720 als Zweitsprache an der südchinesischen Küste entstanden." (S.1114/15) 
"Wie in Indien auch, so bedeutete die anspruchsvolle Kommunikation in einer europäischen Sprache weniger die Unterwerfung unter einen linguistischen Imperialismus als einen wichtigen Schritt zu kultureller Anerkennung und Gleichberechtigung. Pidgin blieb eine Sprache der Geschäftswelt, die nach Westen orientierten Intellektuellen lernten richtiges

Englisch. In China hat sich Pidgin im 20. Jahrhundert nicht gehalten" (S.1115)
"Kolonialismus und Globalisierung schufen kosmopolitische Sprachordnungen. In der chinesischen Zivilisation, die ihre hochsprachliche Einheitlichkeit [...] nie verloren hatte, war dies eine weniger dramatische Veränderung als etwa dort, wo, wie in Südasien, in den Jahrhunderten davor lokale Sprachen auf Kosten einer übergreifenden Sprache, des Sanskrit, an Boden gewonnen hatten und nun auf der Elitenebene neue Reichweiten von Sinn entstanden. Das sprachlich fragmentierte Indien wurde durch Aneignung des Englischen kommunikativ neu geeint." (S.1116)
"Auch in Europa entstand sprachliche Homogenität innerhalb der Grenzen von Nationalstaaten oft erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Oberhalb einer Vielzahl regionaler Idiome wurde die Nationalsprache zur Idealnorm der Verständigung [...], aber sie wurde es nur langsam. Dies traf sogar auf das zentralistische Frankreich zu. 1790 hatte eine offizielle Untersuchung festgestellt, dass die Mehrheit der französischen Bevölkerung andere Sprachen als Französisch sprach [...]. Selbst 1893 sprach jedes achte Schulkind im Alter zwischen 7 und 14 Jahren überhaupt kein Französisch. Noch wesentlich divergenter waren die Verhältnisse in Italien. Dort verstanden in den 1860er Jahren weniger als zehn Prozent der Bevölkerung ohne Mühe jenes toskanische Italienisch, das bei der Nationalstaatsbildung
zur offiziellen Sprache erklärt worden war. [...] (S.1116)
"Wenn Wissenschaftler und Intellektuelle in asiatischen Ländern - im Osmanischen Reich [...] verstärkt nach der Jahrhundertwende, in China nach 1915 - vereinfachende Reformen von Sprache, Schrift und Literatur in Gang setzten, die den tiefen Graben zwischen Elite- und Volkskultur überwinden sollten, dann taten sie nur das, was wenige Jahrzehnte zuvor
oder gar gleichzeitig in europäischen Ländern unternommen worden war, ohne dass von direkter Nachahmung die Rede sein kann. Die sprachliche Spaltung zwischen Elite und Volk, zwischen geschriebener und gesprochener Sprache war im 19. Jahrhundert auch in Europa noch in einem Maße üblich, wie man es sich heute kaum noch vorstellen kann." (S.1117)
Alphabetisierung und Verschulung
"Zu den wichtigsten kulturellen Basisprozessen des 19. Jahrhunderts gehört die Verbreitung der Lesefähigkeit in großen Teilen der Bevölkerung." (S.1117)
"Bis 1914 waren die männlichen Populationen Europas so weit alphabetisiert worden, dass die Soldaten aller Seiten die Gebrauchsanweisungen ihrer Waffen verstehen, die Propaganda ihrer Kriegsherren aufnehmen und ihre Familien mit Nachrichten aus dem Felde versorgen konnten. [...] Um 1920 waren die männliche Bevölkerung der maßgebenden europäischen Länder und ein Teil der weiblichen Bevölkerung des Lesens und Schreibens kundig. [...] Nur Großbritannien, die Niederlande und Deutschland hatten um 1910 eine Alphabetisierungsrate von 100 Prozent erreicht. Für Frankreich lag sie bei 87 Prozent, für Belgien, das am wenigsten literarisierte unter den «entwickelten» europäischen Ländern, bei 85 Prozent. (S.1118) Deutlich niedriger fielen die Werte für den europäischen Süden aus: 62 Prozent für Italien, 50 Prozent für Spanien, nur 25 Prozent für Portugal. (S.1118/19)
"Die Zeit um 1860 markiert für ganz Europa einen Wendepunkt in diesem allgemeinen Trend. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich allein Preußen dem Ziel einer vollständigen Beseitigung der Leseunfähigkeit genähert. Nach 1860 beschleunigte sich die Entwicklung. Dies schlug sich nicht nur in statistisch greifbaren Daten nieder, sondern auch im gesellschaftlichen Gesamtklima. Um die ]ahrhundertwende hatte in ganz Europa,
auch auf dem Balkan und in Russland, der Analphabetismus seine Selbstverständlichkeit verloren. (S.1119)
"Dass seit etwa 1780 städtische Intellektuelle in Europa Märchen, Sagen und Volkslieder sammelten, aufschrieben und in einen Ton hochartifizieller Natürlichkeit brachten, war ein Indiz für die schwindende Selbstverständlichkeit mündlicher Traditionen." (S.1119/20)
"Eliten reagierten auf Massenalphabetisierung widersprüchlich: Auf der einen Seite erschienen die Aufklärung des 'einfachen Volkes', die Austreibung von 'Aberglauben' durch rationalisierende Lektüre und überhaupt die Standardisierung von Kulturpraktiken als 'Zivilisierung' von oben, Durchsetzung der Moderne und Förderung nationaler Integration.
Auf der anderen Seite gab es weiterhin ein Misstrauen [...] gegenüber der kulturellen Emanzipation der Massen, die zugleich - Arbeiterbildungsvereine zeigten dies schnell- mit
Forderungen nach sozialer und politischer Besserstellung verbunden war.
Dieses Misstrauen der Besitzer von Macht und Bildung war nicht unberechtigt.
Alphabetisierung, also die 'Demokratisierung' des Zugangs zu schriftlichen Kommunikationsinhalten, führt in der Regel zu Umschichtungen in Prestige- und Machthierarchien und eröffnet neue Möglichkeiten des Angriffs auf bestehende Ordnungen. Die Sorgen der kulturell Besitzenden hatten auch eine geschlechterpolitische Stoßrichtung. Dass unmäßiges und ungebändigtes Lesen zu weltfremden Illusionen und besonders
bei Leserinnen zu einer überhitzten erotischen Einbildungskraft führe, blieb bis zu Gustave Flauberts Madame Bovary (1856) und weit darüber hinaus ein satirisches Thema der Literatur und eine Sorge männlicher Moralwächter." (S.1120)
"Staat, Kirchen und private Anbieter bedienten konkurrierend einen wachsenden Erziehungsmarkt. Dies war grundsätzlich nicht nur in Europa so. Das englische Erziehungswesen zum Beispiel zeigt manche Ähnlichkeit mit dem gleichzeitigen Erziehungswesen muslimischer Länder: In beiden Fällen lag die Primarerziehung in hohem Maße in den Händen religiöser Institutionen, deren Ziele nicht weit voneinander entfernt waren: Lesen, Schreiben, Internalisierung moralischer Werte und Schutz der Kinder vor
den «schlechten Einflüssen» ihrer alltäglichen Umgebung. [...] Ökonomische Voraussetzungen mussten erfüllt sein, um Massenalphabetisierung zu ermöglichen, [...] nur oberhalb einer gewissen Wohlstandsschwelle konnten Familien ihre Kinder von der 
Produktion freistellen und die Kosten für den regelmäßigen Schulbesuch aufbringen." (S.1121) "Noch 1895 drückten in Großbritannien nur 82 Prozent der registrierten schulpflichtigen Kinder im Grundschulalter regelmäßig die Schulbank. In vielen anderen Ländern Europas lag der Anteil weit darunter. [...] (S.1122)
"Die schulische Erfassung von Kindern
lag in Ländern wie Mexiko, Argentinien oder den Philippinen nicht dramatisch unter derjenigen in Südeuropa und auf dem Balkan. Was literacy betrifft, so steht ihre
vergleichende Erforschung erst in den Anfängen. Für viele Teile der Welt fehlen noch für das gesamte 19.Jahrhundert statistische Angaben. Dies gilt selbstverständlich nicht für Nordamerika. Die nordamerikanischen Kolonien wiesen recht früh schon einen Alphabetisierungsgrad auf, der dem in den fortgeschrittensten Ländern Europas entsprach.  [...]  Seit den 1840er Jahren verbreitete sich in den USA das Gefühl, ein age of reading sei angebrochen. Es wurde unterstützt durch die schnelle Expansion der Presse und der Buchproduktion. Die USA, vor allem der Nordosten, wurden zum Ort einer kraftvollen
print cultureDie Alphabetisierungsrate unter Männern lag schon 1860 in den Neuenglandstaaten bei 95 Prozent; einzigartig in der Welt, hatten Frauen dort damals bereits ähnliche Werte erreicht." (S.1122)
"Normalerweise wurden Sklaven aber vom Lesen und Schreiben ferngehalten; schriftkundige Sklaven standen als potenzielle Rädelsführer von Aufständen
unter Dauerverdacht." (S.1122/33) "1890 lag die Alphabetisierungsrate unter
Afroamerikanern nationsweit bei 39 Prozent, 1910 schon bei 89 Prozent, fiel dann aber bis 1930 auf 82 Prozent. Damit war diese Minderheit höher alphabetisiert als jede schwarze Bevölkerungsgruppe vergleichbaren Umfangs in Afrika und als zahlreiche Teile des ländlichen Ost- oder Südeuropa. [...] Einige Indianervölker nutzten literacy gegen
große Widerstände als Instrument kultureller Selbstbehauptung. Am weitesten ging hier die Cherokee-Nation, deren Sprache nach 1809 verschriftlicht worden war: die Grundlage zur gleichzeitigen Aneignung der Lese- und Schreibfähigkeit auf Cherokee und Englisch. In vielen Teilen der Welt findet man Ähnliches: Sprachen mussten erst - oft, aber nicht immer von Missionaren - mit einem Alphabet versehen und lexikalisch verzeichnet werden, dann wurden Teile der Bibel übersetzt und als Übungsmaterial verwendet: das Fundament für die Bereicherung mündlicher Kommunikation durch die Schrift." (S.1123)
"Japan war bereits um 1800 eine auch nach strengen europäischen Maßstäben von Schriftlichkeit durchdrungene Gesellschaft. [...] Alle Samurai und zahlreiche Dorfvorsteher
mussten literat sein und chinesische Zeichen lesen können, um ihre Verwaltungsaufgaben
zu erfüllen. [...] 1909, also gegen Ende der Meiji-Zeit, war die Zahl der Analphabeten unter zwanzigjährigen Rekruten in fast allen Teilen Japans unter 10 Prozent gefallen: ein in ganz Asien einzigartiger Erfolg. [...]
Die Alphabetisierung der Chinesen, für die das jahrhundertelang maßgebende Lehrbuch bereits um 500 entstand, scheint während des 19. Jahrhunderts auf einem für vormoderne Gesellschaften im weltweiten Vergleich hohen Niveau stagniert zu haben." (S.1124)
"Die Legitimität der politischen und gesellschaftlichen Ordnung hatte seit Jahrhunderten darauf beruht, den Zugang zu Bildung und damit zu Status und Wohlstand nicht nur den Sprösslingen von Oberschichtfamilien zu reservieren. Es mussten daher Aufstiegskanäle offengehalten werden, wie sie im Europa der frühen Neuzeit allenfalls die Kirche bot." (S.1125)
"Warum fiel die alte Bildungskultur China zurück?
[...] Dass China heute eine schulisch intensiv durchdrungene Gesellschaft ist, gekennzeichnet durch ein differenziertes, stark leistungsorientiertes Erziehungssystem, das internationale Hilfe mit eigenen Erfahrungs- und Wissensbeständen verschmolzen hat und bei vergleichenden rankings ausgezeichnet abschneidet, ist ein Ergebnis der Politik der Kommunistischen Partei nach 1978. Der internationale Rückstand, der um 1800 aufgetreten war, wird zweihundert Jahre später korrigiert.

Wie aber kam dieser Rückstand zustande? [...]
Erstens. Das traditionelle Erziehungswesen war ausschließlich «von oben» konzipiert. [...]  In einem solchen unitarischen Verständnis von Bildung blieb kein Raum für die spezifischen Qualifikationsbedürfnisse der unterschiedlichen Bevölkerungsschichten. [...]
Zweitens. Die mangelnde internationale Konkurrenzfähigkeit chinesischer Erziehung zeigte sich erst mit den militärischen Niederlagen des bis dahin unangefochtenen Reiches nach 1842. Die Analyse der Ursachen für Chinas militärische Schwäche und wirtschaftliche
Stagnation zog sich aber Jahrzehnte hin. Nichts fiel den Gelehrten-Beamten, die das Reich regierten und verwalteten, schwerer als einzuräumen, dass die Bildung, aus der sie selbst sozialen Rang und persönliche Identität bezogen, an der Schwäche Chinas nicht unschuldig sein könne und daher der Anpassung an veränderte Herausforderungen bedürfe. Man erkannte bald die Überlegenheit von «westlichem Wissen» (xixue) auf einigen
Gebieten, war aber nicht bereit, ihm kulturelle Gleichwertigkeit zuzubilligen. [...]
Drittens. [...] Die Ausdehnung des Landes [...] und die fiskalische Schwäche der Zentralregierung schlossen eine zielstrebige Politik nach dem Muster Meiji-Japans aus." (S.1125-27)

(Osterhammel: Die Verwandlung der Welt, 2009)