Samstag, 27. Februar 2016

Freiwirtschaft oder sind Zinsen wirklich nötig?

Der Gedanke ist immer noch recht unbekannt.
Zinsen sind eine sehr komplexe Angelegenheit mit vielfältigen Folgen, die nicht erst Luther übel aufgestoßen sind.
Hier möchte ich ein paar Zugänge anbieten:

Eine kleine Rechnung von Margrit Kennedy


Wikipediaartikel:
Freiwirtschaft
Margrit Kennedy
David Graeber: Schulden
Silvio Gesell

Margrit Kennedys
Vortrag in Youtube knapp 1 Stunde: https://www.youtube.com/watch?v=9uISjm0D8kI
noch ausführlicher ihr Buch: http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/kennedy/1996-geld-ohne-zinsen-und-inflation.pdf

Man sollte möglichst mehr als einen der Zugänge nutzen, damit man dem Thema nicht völlig unbedarft gegenüber steht.
Ich kann es leider nicht kürzer und besser erklären, als es über die angebotenen Zugänge geschieht.

Freilich, um die Hälfte reicher geworden sind wir noch nicht, seit die Europäische Zentralbank den Zins gegenwärtig ziemlich genau auf Null gebracht hat.
Irgendwie ist die Einführung des neuen Systems noch nicht gelungen. Schade!

Man kann das Problem freilich auch von der anderen Seite angehen. 
Wie wäre es, wenn das Geld beim Aufbewahren seinen Wert verlöre? Wenn es sozusagen schimmeln würde. Was machte man dann mit Schimmelpfennig und Schimmeleuro?
Man müsste zusehen, dass man sie möglichst rasch los würde. Das Problem hätte jetzt also nicht der Borger (Zinsen zahlen), sondern der Sparer (Wertverlust). 
Man sieht, das Problem bleibt im Grunde das Gleiche. Nur dass jetzt nicht der Geldbesitzer Zinsen für sein Geld erhielte, sondern der Borger das Geld "nachgeschmissen" bekäme. 
Wir kennen das Problem von der Inflation her. Man muss ständig kaufen, um seinen Besitz nicht zu verlieren. Jetzt ist also nicht der Geldbesitzer im Vorteil, sondern der, der Sachwerte hat, deren Wert sich im Verhältnis zum Geld ständig erhöht. (Negativzins)

Das zugrunde liegende Problem ist also die Steuerung der Wirtschaft
Wie kann dafür sorgen, dass ein ausgewogenes Verhältnis von Sparen und Investitionen entsteht?
Das gilt freilich nicht nur für den Einzelnen und die einzelne Volkswirtschaft, sondern für die gesamte Weltwirtschaft.
Wie kann man also dafür sorgen, dass die Menschheit nachhaltig mit ihren Ressourcen umgeht?
Dass sie sie nicht vorzeitig verschwendet, aber auch nicht mit Investitionen in Neuentwicklungen zurückhält, bis die Probleme so groß werden, dass die alte Wirtschaftsweise zusammenbricht.

vgl. dazu: 
2052. Der neue Bericht an den Club of Rome.
Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima

Zins die Krone des Gewinns, Gastkommentar in der FR am 9.3.16

Barcamp zu "digitale Medien"

Ein Erfahrungsbericht eines Neulings

Freitag, 26. Februar 2016

"Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen."

 "Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen" so formulierte es 1965 Max Frisch.
Heute kommen Menschen und wir sollten in ihnen durchaus auch die zukünftigen Arbeitskräfte in ihnen sehen und die entsprechenden Qualifikationen nahe bringen. Aber wir sollten nicht vergessen, dass sie primär Menschen sind.

Mittwoch, 24. Februar 2016

Lehrerpreis

Ein Schülerversteher von Julia Rudorf DIE ZEIT Nr. 48/2015, 26. November 2015

"Der Deutsche Lehrerpreis ehrt die besten Pädagogen. Aber wie wird man ein guter Lehrer? [...]

was ist das überhaupt – guter Unterricht? Eine Antwort darauf lieferte vor sieben Jahren der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie mit seinem Buch Visible Learning. Fast eineinhalb Jahrzehnte lang wertete er Hunderte internationale Bildungsstudien aus, um herauszufinden, was guten Unterricht ausmacht. G 8 oder G 9? Länger gemeinsam lernen? Kleinere Klassen? Alles Nebenschauplätze. Wichtig sei vor allem eines – der Lehrer. Der müsse Leidenschaft mitbringen und Verantwortung für den Lernfortschritt jedes einzelnen Schülers, und dabei auch noch selbstkritisch sein. Er sollte mit den Fehlern seiner Schüler positiv umgehen, gleichzeitig aber an anspruchsvollen Lernzielen festhalten."

Klimasünder: historisch, heute und in der Zukunft

Grafik zur Verteilung der Einsparverpflichtungen der einzelnen Länder (pdf)

Klimaschutz: Unfaire Verteilung von Matthias Holz und Dirk Asendorpf DIE ZEIT Nr. 48/2015 27. November 2015

Schwierigkeiten mit Hotspots

"Mithilfe von Hotspots will die EU Flüchtlinge registrieren und innerhalb Europas verteilen. Ein Besuch auf Lesbos zeigt: Noch funktioniert das nicht." (ZEIT online Nr.48/2015)

Kojoten in New York

"Kojoten leben mitten in New York. Der Begriff "Großstadtdschungel" bekommt damit plötzlich eine ganz neue Bedeutung." (Zeit Nr.47/2015)

Dienstag, 23. Februar 2016

Pauschalurteile

"Leider machen wir momentan mit den Sachsen, den Ostdeutschen und so weiter das, was die Rechten mit den Flüchtlingen machen: Wir übersetzen unsere Angst vor ihnen in Vorurteile. Wir rechnen ihnen pauschal die denkbar schlechtesten Eigenschaften zu und behängen sie mit Schildern, die kein Mensch ertragen mag." (Über den richtigen Umgang mit den Rechten, jetzt.de 22.2.16)

"Recht hat er!" will man sagen und stellt dann fest, dass er bei dem "wir" sich selbst ja nicht meint und mich nicht, dich auch nicht, sondern nur die "dummen" pauschal Urteilenden. 
Fallen sind überall aufgestellt. Selbstkritik und Empathie sind zu Recht gefragt.

"Die Unsicherheit bei vielen Lehrern ist weitgehend unbegründet."

Wieder weiß der Reporter es besser als die Betroffenen.
Warme Luft: das Eingeständnis, dass nicht pädagogische Bedürfnisse, sondern die Industrie auf Digitalisierung hin drängen; die Vertonung der Zahl pi als wichtiger Schritt zur Medienkompetenz. So sieht der Bericht des Reporters aus.

Schön wäre es, wenn die Schule der Wissenschaft und der Öffentlichkeit Reflexion und Diskussion abnehmen könnte, wie Bernhard Pörksen (ZEIT Nr.9/2016, S.9) es andeutet. Aber ...

Die Unsicherheit von vielen Lehrern ist  sehr wohl begründet. Das sich rasend entwickelnde Arbeitsfeld, die äußerst unterschiedliche Einschätzung der Chancen und Gefahren durch Experten machen es der Mehrzahl der Lehrer unmöglich, eine fundierte Einschätzung zu gewinnen.
Dabei gibt es hervorragende Arbeit, vielfältige gelungene Initiativen, lobenswerte Versuche, den Lehrern Hilfen zu bieten. Ein hilfreiches Forum für die Informierten bietet Edchatde, wo heute Abend das Thema Digitale Selbstorganisation in Schule und Lehre”, diskutiert wird.*
Meine persönliche Neigung gilt allem, was durch offene Bildungsinhalte (OER*) an neuen Möglichkeiten erschlossen wird, meine Sorge den Gefahren durch Manipulation und Kommerzialisierung.
Facebook, Lobbyismus an Schulen mögen als Stichworte dienen. Der Circle als Veranschaulichung der Gefahren.

*Bezeichnenderweise ist es ein international vernetzter Kreis von Lehrern, die Experten für Digitalisierung im Bildungsbereich sind, deren Ausstrahlung an den Schulen aber begrenzt ist. Sie denken über Selbstorganisation nach, weil sie mit der Organisation durch Kultusministerium nicht immer ermutigende Erfahrungen gemacht haben. 
Ich wünsche der Arbeit viel Erfolg, nicht zuletzt den Beteiligten, die ich persönlich kenne und die ich bewundere.
Vor ihnen liegt noch ein weiter, aber hochinteressanter und motivierender Weg. 

* OER-Festival 2016

Kamelie

Pflanze
Kameliendame Roman von Alexandre Dumas d. J. 
Ritter der weißen Kamelie US-amerikanischer Geheimbund, ähnlich dem Ku-Klux-Klan

Montag, 22. Februar 2016

Umberto Eco

Umberto Ecos Unterscheidung zwischen Immigration und Migration:
I = Einwanderung Einzelne kommen als Abgesandte, halten Verbindung zur Heimat, leisten oftmals Zahlungen zur Unterstützung der Daheimgebliebenen. Sie bemühen sich um Anpassung und Unauffälligkeit im Gastland
M= Wanderung ganzer Gemeinschaften, sie geben ihre Heimat auf, weil sich dort nicht mehr sinnvoll leben lässt. Ihre Auswanderung war erzwungen, sie haben nicht geplant, auszureisen und damit auch nicht, sich zu integrieren.

Nachrufe:
ZEIT

  •  Kevin Rawlinson: The Guardian. 20. Februar 2016,


  • Hochspringen Umberto Eco ist tot.Süddeutsche Zeitung. 20. Februar 2016,
  • Rapider Politikwechsel in der Bundesrepublik

    Rapider Politikwechsel in der Verteidigungspolitik 2. Mai 2015

    Rapider Politikwechsel - Suchmaschinenergebnis

    Sonntag, 21. Februar 2016

    Clausnitz

    Die Reaktion auf einen für Außenstehende unübersichtlichen Vorgang sind lauter Vorverurteilungen. Offenbar sind inzwischen so viel Emotionen im Spiel, dass Außenstehende sich bei einer unübersichtlichen Situation gleich auf Schuldzuweisungen festlegen müssen.


    Clausnitz: Polizei gibt Flüchtlingen Mitschuld an Eskalation ZEIT online 20.2.16
    "Nach dem Gewaltvorfall in Clausnitz spricht die Polizei von Provokationen durch die Flüchtlinge. 100 Menschen versammelten sich am Abend zu einer Solidaritätskundgebung."
    mit 1197 (Zahl zunehmend) Kommentaren

    Clausnitz: Begrüßung mit Klammergriff von Doreen Reinhard, ZEIT online 20.2.16
    "Im sächsischen Clausnitz treffen Flüchtlinge auf pöbelnde Bürger. Die Polizei greift ein. Dann spricht der Polizeipräsident – und macht alles noch schlimmer."

    Fremdenfeindlichkeit: Grüne machen Seehofer mitverantwortlich für Mob von Clausnitz Spiegel online 20.2.16
    Vorfälle in Clausnitz: Polizeipräsident kündigt Ermittlungen gegen Flüchtlinge an Spiegel online 20.2.16

    vgl. Wikipediaartikel: Proteste gegen Flüchtlingsunterkunft in Clausnitz am 18. Februar 2016  (mit Löschantrag) und Diskussion zum Artikel Clausnitz

    Ergänzend zur Herstellung des Kontexts:

    Bautzen in Sachsen: Geplante Asylunterkunft brennt, Schaulustige jubeln von Matthias Meisner, Tagesspiegel 21.2.2016
    "Bautzen wird ein geplantes Flüchtlingsheim vorsätzlich in Brand gesteckt. Die Schwelle des Anstands sei "deutlich überschritten", sagt Innenminister de Maizière."

    Dienstag, 16. Februar 2016

    Aktuelles Kabarett

    50 Jahre Kabarettgeschichte: Das Mainzer "unterhaus" feiert Jubiläum. Mit dabei: Urban Priol, Georg Schramm, Jochen Malmsheimer, Frank-Markus Barwasser und Arnulf Rating.

    U.a. erklärt Georg Schramm darin, dass nicht Angela Merkel die Flüchtlingsströme ausgelöst hat, sondern ...

    Georg Schramm: Die Farce des "Tornado-Einsatzes" in Syrien!

    Montag, 15. Februar 2016

    Medwedews Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz

    Englischer Text der Rede auf der Seite der russischen Regierung

    Jens Berger auf den Nachdenkseiten über die Wiedergabe der Rede durch WELT, ZEIT und Spiegel online mit Links

    Die Auseinandersetzung entzündet sich an der Interpretation eines Satzes.
    Die Version der dpa dieses Satzes: "Wir sind in die Zeiten eines neuen Kalten Krieges abgerutscht."
    Ich kann kein Russisch, deshalb gebe ich hier die abweichende Version der Frankfurter Rundschau vom 16.2. wieder: "Man kann es auch schärfer sagen: Im Grunde sind wir in die Zeit eines neuen Kalten Krieges gerutscht."
    Der Unterschied zwischen diesen beiden Sätzen ist nicht auffällig. Er besteht aber.
    Die Interpretation sollte aber auch jeden Fall den letzten Satz berücksichtigen:
    "Ich glaube, dass wir heute alle klüger und erfahrener und verantwortungsvoller sind."
    Hier ist das "alle" nicht zu übersehen und nicht zu überhören.

    Mit der englischen Version zeigt die russische Regierung, wie sie den Saz verstanden sehen will:
    "Speaking bluntly, we are rapidly rolling into a period of a new cold war."
    Wir sind fast wieder im Kalten Krieg. Aber wir sind gewiss klug genug, ihn zu vermeiden.

    Sonntag, 14. Februar 2016

    Eppler zur Agenda 2010

    "Mir war noch nicht klar, was das im Einzelnen für Folgen haben kann. Und wie ich inzwischen feststelle, auch Schröder war das nicht bis ins Letzte klar. Clement hatte die Korrekturfunktion des Arbeitsministeriums ausgehebelt." (http://www.zeit.de/2016/07/erhard-eppler-spd-angela-merkel-fluechtlingskrise/komplettansicht)

    Freitag, 12. Februar 2016

    Das Titelemblem von Vicos Scienza Nuova erklärt

    Wikipedia: Giambattista Vico

    von Albrecht auf gutefrage.net:

    Rutenbündel (lateinisch: fascis; Plural: fasces): Zeichen der Amtsgewalt der Obermagistraten der römschen Antike Fasces waren Rutenbündel aus Ulmen- oder Birkenholz, die von roten Riemen zusammengehalten wurden. Die fasces, wohl etruskischen Ursprungs, wurden den römischen Obermagistraten als ein Zeichen ihrer Amtsgewalt (imperium) von Amtsdienern (Liktoren; lateinisch:lictores; Singular: lictor) vorangetragen. Die fasces begleiteten den Imperiumsträger überallhin. Als insignia imperii (Marcus Tullius bezeichnete sie in einem Brief an seinen Bruder Quintus als insignia dignitatis, „Zeichen der Amtswürde“) dienten sie dazu, den Beamten Weg freizumachen, Bürger vor Gericht zu laden (vocatio ad ius), zu verhaften (prensio), zu züchtigen (verberatio) oder bei der Hinrichtung. Allerdings war die magistratische Zwangsgewalt (coercitio) durch die provocatio in römischem Staatsgebiet (domi) eingeschränkt. Außerhalb Roms war ein Beil an den fasces befestigt, als Symbol der uneingeschränkten feldherrlichen Macht über römische und bundesgenössiche Soldaten und Provinzialen.
    Schwert: Macht und Gewalt der Herrschaft und des Rechts, als scharf schneidendes Instrument Symbol der Entscheidung und Trennung von Gut und Böse Iustitia/Justitia, Personifikation der Gerechtigkeit bzw. des Rechts, wird mit Waage und Richtschwert dargestellt.
    Beutel: Handel mit Verwendung von Geld
    Waage: Marktrecht oder allgemeiner Symbol des Rechts, maßvolles, unparteiisches Abwägen, Ausgewogenheit, Attribut von Iustitia/Justitia, Personifikation der Gerechtigkeit bzw. des Rechts
    Hermesstab (griechisch: κηρύκειον; lateinisch: caduceus): Stab des Gottes Merkur, griechisch Hermes (Ἑρμῆς), lateinisch Mercurius, als Heroldsstab Erkennungszeichen der Herolde, später auch Symbol des Handels Der Stab kann für ofizielle Erklärungen, Überbringen von Nachrichten, Diplomatie (Verhandlungen) und Beachtung von Völkerrecht bei Kriegen stehen.
    Flügelhelm: ebenfalls Attribut des Gottes Merkur, kann für ihn als Götterboten, der sich schnell die Luft bewegen kann, stehen
    Annette Graczyk, Die Hieroglyphe im 18. Jahrhundert : Theorien zwischen Aufklärung und Esoterik. Berlin ; München ; Boston : De Gruyter, 2015 (Hallesche Beiträge zur europäischen Aufklärung : HABEI ; Schriftenreihe des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ; Band 51); S. 26 – 28:
    „Im Frontispiz […] wird die vorgeschichtliche Zeit durch eine dichte, dunkle Wolkenwand im Bildhintergrund vergegenwärtigt: aus ihr sind keinerlei Sachzeugen, Symbole oder gar Nachrichten auf die Nachwelt überkommen. Erst vor der Wolkenwand staffelt sich vom Bildhintergrund bis zum Vordergrund die historische Zeit. Sie wird in Sachzeugnissen, Symbolen, und Emblemen verdichtet, die Vico übergreifend als „Hieroglyphen“ bezeichnet. Die Symbole werden von einem alles überstrahlenden göttlichen Lichtblitz erhellt. [...]
    Thomas Gilbhard, Vicos Denkbild : Studien zur Dipintura der Scienza Nuova und der Lehre vom Ingenium. Berlin : Akademieverlag, 2012, S. 106 - 107:  
    „Mit diesen weiteren Gegenständen, von der Schrifttafel bis zu den im unmittelbaren Vordergrund exponierten Gegenständen, dem Schwert, dem Beutel, der Waage, dem Heroldstab Merkurs, wird die Erzählung zu den entwickelteren Zivilisationsstufen fortgeführt. [...]
    mehr bei Albrecht

    Die Wikipedia über die Scienza Nuova
    "In der Scienza Nuova fasste Vico alles zusammen, was er in früheren Schriften entwickelt hatte, und führte seine Ideen weiter aus. Der scholastischen Gleichung: Verum est ens – das Sein ist die Wahrheit – stellte er seine Formel entgegen: Verum quia factum. Als wahr erkennbar ist nur das, was wir selbst gemacht haben.[2] Diese Aussage führte ihn über die Ablösung der scholastischen Metaphysik hinaus; er wies auch die cartesianische Erkenntnistheorie zurück: Der menschliche Geist kann nicht erkennen, wie er selbst funktioniert, da er seine Erkenntnisobjekte selbst gestaltet (…wie auch das Auge alles sehen kann, nur nicht sich selbst…). Damit hatte für Vico das erste Prinzip Descartes’ (Nichts für wahr halten, was nicht so klar und deutlich erkannt ist, dass es nicht in Zweifel gezogen werden kann) keinen Bestand. Die Reduzierung menschlicher Erkenntnis auf die geometrische Methode hält er für einen Selbstbetrug, der darauf beruht, dass der Mensch sich zum Maß aller Dinge macht. Stattdessen muss man, so Vico, die Ursprünge und die Entwicklung der Phänomene untersuchen; und wenn nur das „wahr“ ist, was wir selbst gestaltet haben, dann bedeutet Wissenschaft nicht nur Kenntnis dieser Ursachen, sondern auch ihre eigene (Weiter-)Entwicklung. Damit führte Vico in die Erkenntnistheorie das Element der Dynamisierung ein – eine radikale Neuerung in der europäischen Geistesgeschichte.
    Weiter unterschied er zwischen dem „Wahren“ und dem „Sicheren“, Wissenschaft (universal und ewig) einerseits und Bewusstsein (individuell und vergänglich) andererseits – oder den oben genannten Begriffen Philosophie und Philologie. Rational betriebene Philosophie und Gesellschaftswissenschaften („Philologie“ wie Vico sie sah) schließen sich gegenseitig aus und sind – jede für sich gesehen und betrieben – nur leere Abstrakta. Erst beide zusammen ermöglichen vollständige Einsicht in das Wesen der Dinge und in Kausalketten: Philosophie liefert universale Wahrheit und Philologie Sicherheit im Einzelfall.
    Mit seiner „Philologie“ – der Natur- und Kulturgeschichte – postulierte Vico in Scienza Nuova ein allgemeingültiges Muster, dem alle Gesellschaften (Reiche, Völker, Kulturen) folgen. Es spiegelt sich in den Sprachen, den Sitten, den Gesellschafts- und Regierungsformen, dem Rechtswesen, u. s. w. und wird in Form eines Gemeinsinnes an die folgenden Generationen weitergegeben. Geschichte im philosophischen Sinn ist demnach „wahr“, also ideal und ewig, und reflektiert göttliche Ordnung (gleich Vorsehung).
    Die Ursprünge der Nationen führte er auf zwei Grundformen zurück: „das göttlich-heroische Zeitalter“, das auf Erinnerung und Phantasie beruht, und das „Zeitalter der Menschen“, das auf Reflexion zurückgeht. Dieser Dichotomie entsprechen Poesie und Philosophie, bzw. – aufgrund der Doppelnatur des Menschen – Gefühl und Geist. Gesellschaftliche Einrichtungen entstehen zunächst aus unmittelbarer Sinneserfahrung, reinem Gefühl und aus der kindlichen Fähigkeit zur Nachahmung. Da die Menschen in der Kindheit der Welt – naturgegeben – Poeten waren, spürt man die Ursprünge der Nationen in ihrer dichterischen Wahrheit auf: in Mythen, der Struktur früher Sprachen und polytheistischen Religionen. Diese Metaphysik kann nicht rational und abstrakt gewesen sein, argumentiert Vico. Vielmehr war sie Ausfluss ihrer Poesie, geboren aus ihrer Unwissenheit, „denn Unwissenheit – die Mutter des Wunders – machte ihnen alles wundersam“. Aus dieser urtümlichen Metaphysik leitete Vico verschiedene „poetische“ Bereiche ab: poetische Moral beruht auf Frömmigkeit und Scham, poetische Ökonomie entstand aus den Konzepten von Fruchtbarkeit und familiären Beziehungen, poetische Kosmographie bevölkerte den Himmel und die Unterwelt mit Göttern, u. s. w..
    Mit wachsender Fähigkeit der Menschen zur Reflexion jedoch ist die Einbildungskraft schwächer geworden, Denken auf der Basis von Vernunft hat Dichtung als Form des Verstehens langsam abgelöst. Darin spiegelt sich auch ein – von der Vorsehung gesteuerter – stetiger Aufstieg der jeweiligen Gesellschaft: aus barbarischen Anfängen kommend tendiert sie mehr und mehr zu vernünftigem, humanem Verhalten. Regelsetzung ermöglicht Handel, militärische Stärke und damit allgemeine Wohlfahrt. Zugleich befähigt der Übergang von poetischem zu rationalem Bewusstsein Einzelne, diese Natur- und Kulturgeschichte zu durchleuchten – z.B. manifestiert in Form und Inhalt der Nuova Scienza selbst. Dieser Kultur- und Geschichtsoptimismus ist typisch für viele Aufklärer.
    Vico sah jedoch den stetigen Fortschritt in zyklischer Weise unterbrochen: Auf eine Kulminationsphase folgte schon immer ein Abstieg, nämlich die Rückkehr verderblicher Sitten der Heroenzeit; dieses „zweite Barbarentum“ wandelte sich dann wieder in die primitive Einfachheit der Frühzeit, aus der ein erneuter Aufschwung („curso“) möglich ist. Ebendiesen sah Vico in seiner eigenen Zeit manifestiert in der „wahren“ christlichen Religion, den Monarchien des Absolutismus und der beginnenden Aufklärung.
    Außergewöhnlich für seine Zeitgenossen ist auch Vicos Theorie zur Entstehung von Homers Ilias und Odyssee (Abschnitt Entdeckung des wahren Homer in Scienza Nuova): Da die vulgären Gefühle und Sitten im heroischen Zeitalter einem wilden und irrationalen Zustand entsprachen, könne die homerische Dichtung nicht die esoterische Weisheit eines Einzelnen sein, sondern sie repräsentiere die poetischen Fähigkeiten des griechischen Volkes insgesamt. Der Dichter von Ilias und Odyssee habe nie (als Individuum) existiert; vielmehr hätten die griechischen Sänger das Ideal eines Dichters imaginiert."

    Donnerstag, 11. Februar 2016

    Die Zahl der Kriege und der Kriegstoten hat in den letzten fünf Jahren zugenommen. Kein Ende abzusehen

    Die großen Mächte und ihre Kriege (II)

    Das Geschenk des Orang-Utans

    Von seinen Reisen in Krisengebiete hat der Reporter Wolfgang Bauer Erinnerungsstücke mitgebracht (ZEIT magazin 5/2016)
    "Ein rot-blau lackiertes Stück Holz, Teil einer Bordwand, herausgebrochen aus einem kleinen Fischerboot. Das Geschenk von Julio, einem dreijährigen Orang-Utan-Männchen. Wilderer hatten seine Mutter kurz nach seiner Geburt in den Wäldern von Borneo erschossen. Sie töten Orang-Utan-Mütter, um an ihre Jungen zu kommen, denn in Indonesien gibt es einen florierenden Handel mit Menschenaffen. Orang-Utan-Kinder werden als Haustiere geschätzt. Wenn sie älter werden, beginnen sich ihre Besitzer vor ihrer Kraft zu fürchten und bringen die Tiere oft um. Julio wurde von der wohlhabenden Besitzerin einer Zuckerbäckerei gekauft. Sie unterhielt einen Sommersitz am Strand in der Nähe der Stadt. Julio und ich saßen nebeneinander im Sand. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits bedrohlich groß geworden. Fünf Menschenaffen hatte die Zuckerbäckerin vor Julio gehabt und töten lassen, und auch Julios Tage schienen gezählt. Am Strand schaute er mich irgendwann an und gab mir dieses bunte Stück Holz. Hatte vielleicht nichts zu bedeuten, ich war trotzdem gerührt."
    Seine anderen Mitbringsel leben auch von dem speziellen Kontext, von dem sie Zeugnis ablegen. Doch immer war es Bauer, der dem Erinnerungsstück die Bedeutung gab. Hier geht die Handlung vom Orang-Utan aus.

    Mittwoch, 10. Februar 2016

    Montag, 8. Februar 2016

    Kasseler Musiktage

    Die Kasseler Musiktage, die 1933 gegründet wurden, erhielten ihre Konzentration auf moderne Kirchenmusik vornehmlich durch Klaus Martin Ziegler, seit 1960 Kantor an der  Martinskirche in Kassel
    "Ziegler war aber nicht nur Ausführender, er war auch einer der programmatisch führenden Köpfe der KASSELER MUSIKTAGE in ihrem Engagement für Neue Musik. Die von ihm gegründete Biennale "Woche für geistliche Musik " fusionierte 1977 als "neue musik in der kirche" mit den KMT. Seither war Ziegler bis zu seinem Tod 1993 mitverantwortlich am Gesamtprogramm." (Martin Griesemer: Kasseler Musiktage)

    Land- und andere -karten

    "Karten bilden nicht ab. Sie erklären. Sie zeigen, was nicht zu sehen ist. Bei Schedel den unsichtbaren Himmel, der den sichtbaren umschließt. Auf einer großartigen Karte von Galka sieht man eine dunkle Welt mit ein paar hellen Flecken. Die zeigen die bevölkerungsstärksten Metropolen der Welt. Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt auf gerade mal einem Prozent der Landfläche. Auf dieser Karte sieht man mit einem Blick wo: Nordchina, Bangladesch, Nordindien. Afrika ist abgesehen von Kairo, Nairobi und Lagos bis auf ein paar gelbe Flecken ein schwarzer Kontinent. Also mit weniger als 900 Einwohnern pro Quadratmeile. [...] Es gibt ein Bild, eine Karte des englischen Theosophen Robert Fludd (1574 – 1631). Sie zeigt die Welt vor der Schöpfung. Ein schwarzes Quadrat, an dessen vier Kanten steht: Et sic in infinitum. Das schwarze Quadrat ist nicht schwarz, schwarz, schwarz. Es gibt Abstufungen des Schwarz, ja weiße Striche darin. Es ist die Abbildung, die Vergegenwärtigung einer weit entfernten Vergangenheit. Jener Zeit, wenn man sie denn Zeit nennen darf, da Licht und Finsternis noch nicht geschieden waren. Ich bin auf dieses großartige Bild gestoßen in dem ganz und gar unverzichtbaren Buch von Michael Benson: „Cosmigraphics – Picturing Space Through Time“ (Abrams, New York). Leider gibt es darin keine Darstellung einer Welt vor dem Urknall. Das wäre ja die Parallele zu Fludds einzigartigem Bild. Es entstammt übrigens dessen Buch mit dem schönen – in mein holpriges Deutsch übertragenen – Titel: „Die metaphysische, physikalische und technische Geschichte beider Kosmen, des Makro- und des Mikrokosmos.“ [...] " (Arno Widmann: Das schwarze Quadrat, FR 8.2.16)

    Samstag, 6. Februar 2016

    Wo? Wo ist DaDa - Wann? Wann ist DadaTag?

    Nur alle hundert Jahre kommt er, und ich habe ihn verpasst.
    So wenigstens nachträglich mein Tribut an Dada.
    Der Geburtstag des Dada war am 5.2.1916 im Cabaret Voltaire in Zürich.

    Da Dada die Zerstörung traditioneller Kunstformen anstrebte und somit erklärte "nichts" zu sein, passt zu ihm, dass er keinen eigenen Tag hat. Und dass er jede Menge Kunstrichtungen beeinflusst hat.

    Freitag, 5. Februar 2016

    Staatsschullehrer und Waldorfpädagogen gemeinsam

    Waldorf-Experiment im Problemviertel, SPON 4.2.16

    An einer Hamburger Grundschule gestalten Staatsschullehrer und Waldorfpädagogen gemeinsam den Unterricht. Das Projekt soll mehr Kinder aus Akademikerfamilien an die Schule im sozial schwierigen Stadtteil Wilhelmsburg locken. Dieses Ziel scheint der bundesweit einmalige Schulversuch zu erreichen. Aber in der Praxis hakt es noch an vielen Stellen.

    Der lange Sommer der Theorie

    Der Historiker Prof. Dr. Philipp Felsch von der Humboldt-Universität zu Berlin hat in seinem Buch Der lange Sommer der Theorie: Geschichte einer Revolte diese besondere Lese- und Lebenslandschaft von 1960 bis 1990 nachgezeichnet. (hier zum Interview)

    Hier ein Interview mit Felsch im Spiegel (11.3.15)

    Mittwoch, 3. Februar 2016

    Lob des digitalen Lesens durch die Stiftung Lesen

    Die Stiftung Lesen vertritt den Standpunkt, dass Kinder und Jugendliche bei der Nutzung der digitalen (Lese)medien Anleitung und Begleitung durch Erwachsene benötigen. Um ihnen in der digitalen Welt zur Seite stehen zu können, müssen die Multiplikatoren aber selbst über die notwendige Medienkompetenz verfügen. Die Stiftung Lesen möchte einerseits mit ihren Maßnahmen eine Sensibilisierung bei Multiplikatoren für das Thema bewirken und andererseits diese mit konkreten Angeboten bei der Medienkompetenzvermittlung unterstützen. Die Stiftung Lesen verfügt über zahlreiche Serviceangebote für unterschiedliche Zielgruppen zum Themenkomplex digitales Lesen. Dazu gehören Maßnahmen in den Bereichen Fortbildung, methodische und didaktische Handreichungen, Medienempfehlungen, Wettbewerbe, Aktionen und Forschung. Gebündelt werden all diese Angebote online auf www.stiftunglesen.de unter der Rubrik „Digitale Lesewelten“. (https://www.stiftunglesen.de/download.php?type=documentpdf&id=1314)