Sonntag, 31. Juli 2016

Familie Brenninkmeijer oder der C&A-Clan

http://www.zeit.de/2016/30/c-und-a-eigentuemer-maurice-brenninkmeijer-familie

Stichweh: Individuum und Weltgesellschaft

https://edoc.bbaw.de/frontdoor/index/index/docId/1591 (veröffentlicht 10.03.2011)

Kurzzusammenfassung von mir: Handlungsfähig wird ein Individuum, sobald es selbst weltweit beobachtet wird wie etwa Edward Snowden oder das weltweite Netzwerk, in dem es sich befindet, weltweite Beobachtung erfährt (vgl. US-Eliteuniversitäten).

Zitate:
"[...]  In unserem Kontext ist es deshalb eine entscheidende Frage, wie die Weltgesellschaft eigentlich dieses Moment reflektiert, daß sie für ihre strukturbestimmenden Entscheidungen nicht mehr auf historische Individuen zurückgreifen kann. [...]
Fünf Formen der Strukturbildung, die für Weltgesellschaft bestimmend werden, drängen sich unmittelbar auf: Funktionssysteme, Organisationen, Netzwerke, Epistemische Communities, Weltereignisse.20 Alle diese fünf Formen können mit Blick auf Individuen und deren Handlungsfähigkeit gelesen werden. In Funktionssystemen entstehen Möglichkeiten der Inklusion für Individuen über Leistungs- und Publikumsrollen;21 Organisationen können analog über Principal / Agent- Beziehungen analysiert werden.22 Der interessanteste Fall aber ist für den Zweck unserer Argumentation das Netzwerk. [...]

Donnerstag, 28. Juli 2016

Über von Boko Haram entführte Frauen

Bericht aus dem Zeitmagazin Nr. 34/2015:
Das Leben nach der Hölle
"[...] TALATU: "Betet!", befahlen sie uns. Und wir beteten auf dem Platz vor der Moschee. Wir waren zu Hunderten. "Ihr betet nicht richtig!", schrien sie uns an. Sie sagten, wenn man sich vornüberbeuge, dann nicht nur ein bisschen, sondern so, dass der gesamte Oberkörper im Staub liegt. Sie sagten, wir seien bisher keine richtigen Muslime gewesen. Am zweiten Tag schnitten sie zwei Männern vor unseren Augen den Kopf ab. Die waren Christen. Der eine war ein Bauer, der andere der Hufschmied. Beide weigerten sich, Muslime zu werden. Der Hufschmied schrie: "Es gibt doch nur einen Gott! Unser Gott ist euer Gott!"
SADIYA: Sie führten neue Regeln ein. Wir Frauen durften nicht mehr Wasser holen, das war jetzt Sache der Kinder. Ich durfte nicht mehr auf dem Markt arbeiten. Sie plünderten unsere Vorräte. Jeden Nachmittag mussten wir vor die große Moschee zum Islamunterricht. Nach drei Wochen verkündete dort einer der Emire: "Morgen beginnen wir damit, euch an gute Muslime zu verheiraten!" Jede Frau, deren Ehemann nicht binnen eines Monats erscheine, werde verheiratet. Alle Frauen von Duhu mussten zu dieser Verkündung kommen. Talatu stand neben mir. Sie haben die Frauen in drei Kategorien eingeteilt: alte Frauen, mittelalte Frauen, junge Frauen. Ich fragte den Emir: Wollt ihr auch Mädchen im Alter meiner Tochter verheiraten? Der antwortete mir: Der Prophet Mohammed hat ein siebenjähriges Mädchen zur Frau genommen. Ich sagte nichts mehr. Bei Boko Haram gibt es einen Moment, da weißt du, du musst schweigen. [...]"

Dienstag, 26. Juli 2016

Folke Bernadotte und Raoul Wallenberg

Folke Bernadotte
[...] Des Weiteren verhandelte er in seiner Funktion im Jahr 1945 mit Heinrich Himmler erfolgreich über die Freilassung der skandinavischen KZ-Häftlinge. Zusätzlich zu ca. 8000 Häftlingen skandinavischer Herkunft wurden im Rahmen dieser Mission etwa 10.000 bis 12.000 Häftlinge anderer Nationalität vor allem aus Ravensbrück und Theresienstadt zunächst im Lager Neuengamme bei Hamburg gesammelt und später nach Schweden überführt. Durchgeführt wurde diese Aktion, die in die schwedische Geschichte und die Geschichte der Rotkreuz-Bewegung als die „Weißen Busse“ eingegangen ist, kurz vor Kriegsende von ca. 250 Helfern des Schwedischen Roten Kreuzes.
Spätere Behauptungen des Stockholmer Journalisten Bosse Lindquist, dass bei der Auswahl der geretteten Häftlinge nichtjüdische den jüdischen Gefangenen vorgezogen und westeuropäische Frauen gegenüber Osteuropäerinnen bevorzugt wurden, haben Augenzeugen zurückgewiesen. Darüber hinaus spricht gegen dieses Argument, dass unter den insgesamt etwa 20.000 geretteten Häftlingen ca. 5.000 Juden waren. Einer der damals genutzten Busse steht heute in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Die Historikerin Ingrid Lomfors erhob den Vorwurf, dass die vorherige Nutzung der Weißen Busse zum Transport von etwa 2.000 französischen, russischen und polnischen Häftlingen aus dem Konzentrationslager-Neuengamme in das Lager Braunschweig eine direkte Beteiligung an den Naziverbrechen und einen schweren Bruch der Statuten der Rotkreuz-Bewegung dargestellt hätte. Gegen diesen Vorwurf spricht aus Sicht von anderen Historikern und damals direkt Beteiligten, dass die einzige Alternative das Scheitern der gesamten Aktion gewesen wäre. [...]
Während seiner Tätigkeit im ersten Palästinakrieg von 1948 legte er unter anderem den Grundstein für das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA). Er setzte sich in den Verhandlungen mit den Israelis für eine Anerkennung des Rückkehrrechtes der palästinensischen Flüchtlinge ein, konkret bat er am 17. Juni 1948 die Israelis, die Rückkehr von 300.000 Flüchtlingen zu ermöglichen. Am 17. September 1948 wurde er zusammen mit dem UN-Beobachter André Serot von militanten Führern der jüdischen Terroristen-Gruppe Lechi, die manchmal auch als „Stern-Gruppe“ bezeichnet wird, erschossen. [...] Die Drahtzieher des Anschlags erhielten wenige Monate später trotz dringenden Tatverdachts eine Generalamnestie von der israelischen Regierung unter David Ben-Gurion. Zur Planung des Anschlages bekannte sich nach der Verjährung der israelische Journalist und Kinderbuchautor Baruch Nadel. Das Attentat sollen vier Mitglieder der Sterngruppe durchgeführt haben."
 „Folke Bernadotte“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 26. Juli 2016, 19:25 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Folke_Bernadotte&oldid=156480385 (Abgerufen: 26. Juli 2016, 19:33 UTC)

Raoul Wallenberg gelang es durch sein entschiedenes Auftreten, Menschen vor dem sicheren Tod zu retten, indem er behauptete, sie seien Inhaber schwedischer Schutzpässe und erwirkte sogar die Rückgabe ihrer Kleidung. Er hatte sich dabei auch die Unterstützung der ungarischen Polizei gesichert, die gegen das willkürliche Auftreten der Pfeilkreuzler eintrat. Etwa 70.000 Juden überlebten im Budapester Ghetto. Kurz vor der Befreiung des Allgemeinen Ghettos soll dessen Vernichtung geplant gewesen sein, die schließlich noch verhindert wurde, da Wallenberg dem deutschen Wehrmachtsgeneral Gerhard Schmidhuber gedroht habe, ihn andernfalls als Kriegsverbrecher zur Rechenschaft zu ziehen. [...] Wallenberg wollte sich auch nach der Eroberung von Budapest durch die Rote Armee weiterhin für seine Schützlinge einsetzen, deshalb wollte er den sowjetischen Kommandanten treffen. Auf dem Weg nach Debrecen wurde Wallenberg jedoch nach Moskau verschleppt. Zunächst bestätigte eine sowjetische Stelle gegenüber dem schwedischen Gesandten in Moskau, dass Wallenberg in Obhut der Roten Armee sei, was dieser sofort nach Stockholm und an die Familie Wallenberg weiterleitete. [...] Erst 1993 wurde der Haftbefehl bekannt. Kein Geringerer als der Vize-Verteidigungsminister Bulganin hatte am 17. Januar 1945 angeordnet, dass Wallenberg nach Moskau zu bringen wäre. Zusammen mit seinem Chauffeur Langfelder wurde Wallenberg in das NKWD-Gefängnis Lubjanka gebracht. Nach Aussagen von Mitgefangenen verdächtigte man Wallenberg der Spionage. Seine Herkunft aus einer schwedischen Familie der Bourgeoisie machte ihn Stalin und dem NKWD ebenfalls verdächtig. Später wurde er zwei Jahre im Lefortowo-Gefängnis in Moskau gefangengehalten. Bis Anfang 1947 ist bekannt, in welchen Zellen und Gefängnissen sich Wallenberg befand, wann und von wem er verhört wurde. Über die Zeit danach herrscht Unklarheit.
 „Raoul Wallenberg“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 9. Juli 2016, 03:24 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Raoul_Wallenberg&oldid=155984182 (Abgerufen: 26. Juli 2016, 19:32 UTC)

Philosophierende Dichter

http://www.fr-online.de/literatur/dieter-henrich--sein-und-nichts--philosophierende-dichter,1472266,34541220.html

Soziale Verteidigung

Soziale Verteidigung (Wikipedia)

Pazifismus & Militaerkritik: Gewaltfreie Konzepte/

Montag, 25. Juli 2016

Von der Lotsenkunst zur Navigation

War in der Nautik zunächst die Ortskenntnis und die allgemeine Steuermannskunst wichtig, so entwickelte sich am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit in Europa die Hochseenavigation.

Dazu die Wikipedia: "Etwa ab dem Ende des 13. Jahrhunderts tauchen die ersten Portolane auf, die das Mittelmeer und sämtliche Hafenstädte in verblüffender Genauigkeit wiedergeben. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurde in Portugal die astronomische Navigation nach Sonne und Polarstern zur Praxisreife entwickelt. Als Messinstrumente dienten dabei das am Pendelring gehaltene Astrolab und der Jakobsstab (Gradstock).
Ab 1500 entstanden zahlreiche Weltkarten, es wurden Loggen und Quadrant eingesetzt und die Mercator-Projektion erfunden." (Geschichte der Navigation)

Mehr dazu bei J.H.Parry: Das Zeitalter der Entdeckungen, Kindlers Kulturgeschichte Europas Bd 12, TB 1983, S.153ff. und hier im Blog

Samstag, 23. Juli 2016

Amoklauf: 9 oder 10 Tote in München - Tatverdächtiger ist 18-jähriger Deutsch-Iraner

"In München hat es eine Schießerei im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ)gegeben. Dabei wurden neun Menschen getötet und mindestens 16 weitere verletzt. " (Termin: Freitag, 22.7.16)
SPON 23.7.16

Dazu:
Daniela Vates in der Frankfurter Rundschau: Wie der Tod ins Leben schleicht. 26.7.16
zu München u.a.: "Das Fernsehen ging auf Dauersendung, obwohl es über Stunden keine Neuigkeiten gab. Die sozialen Netzwerke sorgten für schnelle Verbreitung von Gerüchten. 2300 Polizisten waren zeitweise allein damit beschäftigt, größtenteils falschen Gerüchten nachzugehen. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die die Bundeswehr in Alarmbereitschaft versetzen ließ, kann nicht für sich in Anspruch nehmen, für Entspannung gesorgt zu haben. [...] Zwar ist jede Gewalttat ein Drama, aber nur die wenigsten rechtfertigen einen Ausnahmezustand. Er kann Nachahmungstäter sogar ermutigen [...] Wird der Ausnahmezustand die Regel, haben die Terroristen schon ohne Anschlag ihr Ziel erreicht: Freiheit einzuschränken und die Gesellschaft nachhaltig zu verunsichern."

Mittwoch, 20. Juli 2016

L-Funktionen und LMFDB

Spiegelartikel
"[...] Der Di­rek­tor des Ame­ri­can In­sti­tu­te of Ma­the­ma­tics ver­kün­de­te: „Wir kar­tie­ren die Ma­the­ma­tik des 21. Jahr­hun­derts.“ Es gehe um nichts we­ni­ger als eine Art Welt­for­mel sei­nes Fachs. [...]"

L-Funktionen

Kommentare zum  Spiegelartikel über L-Funktionen

Dienstag, 19. Juli 2016

Fahrerflucht

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-07/strassenverkehrsrecht-fahrerflucht-fischer-im-recht/komplettansicht

Hungerlinde

Einige Hungerlinden sind 1816/1817 aufgrund des Vulkanausbruchs in Indonesien gepflanzt worden.

 "Im 19. Jahrhundert blieb Deizisau zwar von Kriegszerstörungen verschont, litt dafür aber mehrfach unter schweren Hungersnöten. Nur kurze Zeit nach dem Ende der Napoleonischen Kriege kam es 1816 infolge eines Vulkanausbruchs in Indonesien zu einer weltweiten Klimakatastrophe, dem sogenannten Jahr ohne Sommer. In Deizisau regnete es 75 Tage hintereinander, Hagel verwüstete die Felder und die kümmerliche Ernte konnte zum Teil erst nach Weihnachten eingefahren werden. Die Folge war eine der bittersten Hungersnöte der Deizisauer Geschichte.[11]Weitere schlimme Missernten folgten in den Jahren von 1852 bis 1855. Insgesamt 135 Bürger verließen in diesen vier Hungerjahren den Ort, um in die Vereinigten Staaten auszuwandern.[12] An die Hungersnöte des 19. Jahrhunderts erinnert heute noch die im Jahr 1833 im Rotfeld auf der Anhöhe zwischen Deizisau und Köngen gepflanzte Hungerlinde." (Seite „Deizisau“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Juni 2016, 18:12 UTC.
URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Deizisau&oldid=155421457 (Abgerufen: 19. Juli 2016, 05:48 UTC))

http://www.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.nagold-zarter-baum-erinnert-an-die-alte-hungerlinde.da7beb6c-3d8e-4eee-8499-4f739b6bec4d.html

mehr dazu

Samstag, 16. Juli 2016

Problemlösung durch Streiten?

Wenn ich Brexit-Gegner und Brexit-Befürworter innerhalb ihrer Gruppen bestätigen, ohne sich auf die Sicht der anderen Seite einzulassen, lösen sie weder die Probleme der EU noch die Großbritanniens.*
Wie organisiert man Streiten so, dass es zu Problemlösung führt?

Zwei Beiträge dazu liefert Navid Kermani in Solidarität,Freiheit,Offenheit und  Europa nach dem Brexit. Auf Kosten unserer Kinder einen weiteren Georg Kugler in Herrschaft oder Streiten.

*Aktuell wird man dabei auch an die Konflikte innerhalb der Türkei und die mit der EU, an den weltweiten Terror durch Einzeltäter, Gruppen und Staaten, an den Klimawandel, ob primär von Menschen verursacht oder nicht, und an deren Folgeprobleme (Flucht und Ausgrenzung) denken.

Freitag, 15. Juli 2016

Genreparatur

CRISPR-CAS9: Das große Ziel heißt Genreparatur von RAINER KURLEMANN, FR 15.7.16
"Ganz zu Beginn formulierte Peter Dabrock einen Satz, dem keiner der Experten in der folgenden Debatte widerspricht. „Die Welt unserer Kinder wird eine von Crispr-Cas9 geprägte Welt sein“, sagte der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats bei der Begrüßung zur Jahrestagung des Gremiums in Berlin. Ein Satz mit großer Tragweite und dennoch erstaunlich, denn das neue Werkzeug aus dem Baukasten der Genforschung ist in der Bevölkerung heutzutage kaum bekannt. Hinter dem sperrigen Begriff Crispr-Cas9 verbirgt sich eine Art molekulare Schere, mit der einzelne Gene im Erbgut geschnitten und gezielt verändert werden können. Die Technik eignet sich für alle Lebewesen und hat weltweit die Labore der Mediziner, Pflanzenzüchter und Biotechnologen erobert."


Sieh auch Wikipedia: CRISPR/Cas-System

Mittwoch, 13. Juli 2016

Wandel der deutschen Sprache

Sie "wirft Ballast ab"

"Das gesprochene Deutsch baut ordentlich grammatischen Ballast ab, der Satzbau wird einfacher und effizienter, in allen Medien wirkt eine starke Doktrin von Schnelligkeit und mündlicher Effizienz. Noch nie war das gesprochene Deutsch von der Schulgrammatik so weit entfernt wie heute, und die Schere geht immer weiter auseinander. [...]
 "Sprache ändert sich, weil sich die Gesellschaft ändert. Wollen wir das eine anhalten oder steuern, müssen wir das auch mit dem anderen tun." So der englische Linguist David Crystal.  [...]
Migranten wie Nichtmigranten benötigen eine Sprachform, die vor allem den Alltag flexibel managen kann. Dabei nimmt das Gefühl für strenge grammatische Korrektheit allmählich ab. Dass Hochsprache und Umgangssprache verschiedene Normen und Formen haben können, die sich gegenseitig ergänzen, zeigen zum Beispiel das Russische oder Tschechische. Auch die Deutschen steuern nun auf das zu, was die Linguisten eine "Diglossie" nennen: Es wird anders gesprochen als geschrieben. "

Dienstag, 12. Juli 2016

Frontier in Eurasien (Osterhammel: Die Verwandlung der Welt)

"[...] Noch zu Beginn des 19.Jahrhunderts waren mobile Lebensformen, deren Grundlage die Aufzucht und Nutzung von Tierherden war, über ein riesiges Gebiet verbreitet, das von der Südgrenze des skandinavisch-sibirisch-mandschurischen Waldgürtels südlich bis zum Himalaya, zu den Hochländern des Irans und Anatoliens und zur Arabischen Halbinsel reichte und sich westöstlich
von der Volga bis kurz vor die Tore von Peking erstreckte: ein Gebiet, das noch weit mehr umfasste als das «Zentralasien» heutiger Karten. Stationäre Landwirtschaft konzentrierte sich an den Rändern des eurasischen Kontinents von Nordchina bis zum Panjab und dann wieder in Europa westlich der Volga, die die Welt der Grasländer und Steppen nach Westen hin abschloss.'!" Ein solcher idealtypischer Gegensatz zwischen Statik und Mobilität darf freilich nicht übersehen lassen, dass es auch in Europa oder Südasien (kaum dagegen in China) auch im 19.Jahrhundert wandernde Bevölkerungsgruppen gab.
Nomadismus an der Steppengrenze
Innerhalb dieser riesigen Sphäre mobiler Existenzweisen haben die Ethnologen verschiedene
Spielarten des Nomadismus unterschieden:
(I) die Kamel-Nomaden der Wüste, die sich auch in ganz Nordafrika finden;
(2) die Schaf- und Ziegenhirten Afghanistans, des Irans und Anatoliens;
(3) die Reiternomaden der eurasischen Steppe, unter denen Mongolen und Kasachen die bekanntesten sind;
schließlich (4) die Yak-Hirten des tibetischen Hochlandes.
Diese verschiedenen Varianten des Nomadismus hatten mehrere charakteristische Gemeinsamkeiten:
große Distanz und oft auch heftige Abneigung gegenüber städtischem Leben, eine soziale Organisation in Abstammungsgemeinschaften mit gewählten Oberhäuptern sowie eine große Bedeutung der Nähe zum Tier für die kulturelle Identitätsbildung. Das nomadische Asien war von
unzähligen ökologischen Grenzen durchzogen, in zahlreiche Sprachgemeinschaften parzelliert und religiös zumindest in die drei großen Orientierungen Islam, Buddhismus und Schamanismus (mit jeweils mehreren Richtungen und Spielarten) differenziert. [...] Das Leben von Nomaden ist risikoreicher als das von Ackerbauern, und dies prägt ihre Weltsicht. Herden können sich mit exponentieller Geschwindigkeit vermehren und schnell zu Reichtum führen, sind aber biologisch noch anfälliger als die Pflanzenzucht. Mobiles Leben verlangt ständig Entscheidungen über Wege, das Management von Herden und das Verhalten zu Nachbarn und Fremden, denen man begegnet. [...]
Wie der russische Anthropologe Anatoly M. Khazanov betont hat, sind nomadische Gesellschaften, anders als die Gesellschaften von Subsistenzbauern, niemals autark. Sie können isoliert nicht funktionieren. Je feiner eine bestimmte Nomadengesellschaft sozial differenziert ist, desto aktiver
sucht sie Kontakt und Wechselwirkung mit der Außenwelt.
Khazanov unterscheidet vier große Klassen von Strategien, die Nomaden zur Verfügung stehen:
(1) freiwillige Sesshaftwerdung,
(2) Handel mit komplementären Gesellschaften oder auch Zwischenhandel mit Hilfe der
perfektionierten Transportmittel (etwa des Kamels), die vielen Nomadengesellschaften zur Verfügung stehen;
(3) freiwillige oder widerstandslos erduldete Unterordnung unter sesshafte Gesellschaften und den Aufbau von Abhängigkeitsbeziehungen zu ihnen;
(4) umgekehrt Dominierung sesshafter Gesellschaften und Aufbau entsprechender asymmetrischer
Dauerbeziehungen.
Die vierte dieser Strategien erreichte den Höhepunkt ihres Erfolges im Mittelalter, als von Spanien bis China Bauerngesellschaften unter die Kontrolle von Reiternomaden fielen. Noch die großen Dynastien des kontinentalen Asien, die den Erdteil in der frühen Neuzeit beherrschten, stammten aus Zentralasien und hatten nicht unbedingt einen nomadischen, so doch einen nicht-bäuerlichen Hintergrund. Dies gilt auch noch für die mandschurische Qing-Dynastie, die China von 1644 bis 1911 regierte. [...] Selbst Russland leistete noch weit ins 17. Jahrhundert hinein Tributabgaben in astronomischer Höhe an die Krimtataren. [...] (S.514-516)
Reichsperipherien
Es ist eine Besonderheit von  Frontiers in Eurasien, dass sie imperial überformt waren. Anders als in Amerika und im subsaharischen Afrika war das zentralisierte und in sich hierarchisch geordnete Großreich die dominierende politische Form. Es gab dabei, grob unterschieden, zwei Formen von Reichen: zum einen die von Reiternomaden getragenen Steppenreiche, die sich zu ihrer bäuerlich-sesshaften Umwelt parasitär verhielten, zum anderen solche Reiche, die sich ihre Ressourcen vor allem durch direkte Besteuerung der eigenen Bauernschaft besorgten. [...]
Schon in der frühen Neuzeit wurden die Nomaden des zentralen Asien also imperial eingekreist. [...] Am Ende des 18. Jahrhunderts waren daher die Kernländer der alten militärischen Dynamik der Reiternomaden unter den Imperien aufgeteilt. Dieser Zustand sollte bis zur Gründung mittelasiatischer Republiken nach dem Ende der Sowjetunion 1991 andauern. [...]
Das Qing-Reich traf bei seiner Expansion nach 1680 an mehreren seiner Ränder auf Völker, die keine ethnischen Chinesen ('Han-Chinesen') waren und die daher als herrschafts- und zivilisierungsbedürftig eingestuft wurden: in Südchina, auf der neu eroberten Insel Taiwan und in der Mongolei. [...]  Sie waren also keine semi-autonomen Tributstaaten wie Korea oder Siam, sondern kolonisierte Völker im Inneren des Reiches." (S.517-518)
"Eine demographisch wirklich ins Gewicht fallende hanchinesische Kolonisationsbewegung begann aber erst im frühen 20. Jahrhundert, [...]  Die millionenfache Expansion von Han-Chinesen in die Peripherie begann erst nach 1949 unter kommunistischer Herrschaft. Erst im 20. Jahrhundert entstand also eine innerchinesische Frontier der siedelnden Ressourcenerschließung, [...]" (S.519)
"Wenn es mithin im Eurasien des 19. Jahrhunderts eine Frontier gab, dann muss man sie im Süden und Osten des Zarenreiches suchen.!" Der russische Staat entstand als Frontstaat. [...] Erst unter Katharina der Großen wurde das Reich zu einer imperialen Potenz ersten Ranges. Unter der Zarin wurde das einst mächtige Khanat der Krimtataren zerschlagen und dem Reich damit der Zugang zum Schwarzen Meer geöffnet. [...] Trotz dieser Grundlagen fällt die eigentliche Bildung des zarischen Vielvölkerreiches ebenso wie die militärische Expansion bis an das andere Ende des asiatischen Kontinents in die Zeit des kalendarischen 19.Jahrhunderts." (S.521)

Montag, 11. Juli 2016

Wilder Westen in Nordamerika und Frontier in Südamerika und Südafrika (Frontier II aus Osterhammel: Die Verwandlung der Welt)

Fortsetzung von: Frontiers - Landnahme im 19. Jahrhundert 

Indianerkriege und Revolverterror
"Im Osten hatten die Kämpfe etwa 230 Jahre lang gedauert. Die Auseinandersetzung mit den Indianern westlich des Mississippi drängte sich dagegen auf knapp 40 Jahre zusammen. Die Invasion der Großen Ebenen durch euro-amerikanische Siedler begann erst in den 1840er Jahren." (S.490)
"In den fünfziger Jahren nahm die Zahl der Zwischenfälle zu, in den sechziger Jahren brachen die klassischen Indianerkriege aus, die tief im nationalen Gedächtnis der USA verankert sind und die durch Hollywood unsterblich gemacht wurden. Als 1862 bei dem größten Massaker, das seit der Gründung der USA von Indianern (hier: Sioux) an weißen Siedlern verübt worden war, mehrere hundert Menschen umkamen, wuchs gar die Furcht vor einem großen Indianeraufstand im Rücken der Bürgerkriegsarmeen. An den Indianerkriegen war jedoch nur eine Minderheit der Stämme beteiligt. Allein Apache, Sioux, Comanche, Cheyenne und Kiowa leisteten Dauerwiderstand." (S.491)
"Die zivilen Pioniere des «Wilden Westens», die mit Revolvern und Gewehren ihre Alltagsangelegenheiten regelten, gehörten im 19. Jahrhundert zu den am höchsten bewaffneten Populationen der Erde. Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung prägten auch in Friedenszeiten
das gesellschaftliche Leben in einer Weise, die sonst nur für Bürgerkriege charakteristisch ist. [...] Innerhalb der etwa vier Jahrzehnte nach dem Ende des Bürgerkrieges 1865 erreichte die Terrorherrschaft von Revolverhelden ihre größte Intensität und weiteste Verbreitung. [Richard Maxwell] Brown vertritt die Auffassung, es habe sich dabei um eine Art von kleinem «Bürgerkrieg» gehandelt: Die meisten der 200 oder 300 berühmt-berüchtigten Killer (und eine große Zahl von weniger bekannten) hätten im Auftrag von Großgrundbesitzern gehandelt und deren Interessen gegen kleine Rancher und Farmerfamilien auf Einzelgehöften (homesteaders) durchgesetzt. Sie seien keine Sozialbanditen mit Gerechtigkeitssinn und Sympathie für die kleinen Leute gewesen, sondern eher Agenten in einem Klassenkampf von oben." (S.492)
Deportationen
"Bis zur Mitte des Jahrhunderts waren rechtlich gestützte Eingriffe in die inneren Angelegenheiten der Stämme nicht vorgesehen. Sie waren einer Art von indirect rule zu Sonderkonditionen unterworfen. Erst nach 1870 setzte sich die Idee durch, auch die Indianer hätten den allgemeinen
Gesetzen des Landes zu gehorchen." (S,493)
"In Jacksons Augen war die Zivilisierungsmission der Jefferson-Generation gescheitert. Er knüpfte an die Mentalität der sogenannten Paxton Boys an, die in den 1760er Jahren in Pennsylvania schlimme Massaker an Indianern verübt hatten. Die Duldung indianischer Enklaven hielt er für
zwecklos. Sein Ziel war es, mit den Methoden, die man heute «ethnische Säuberung» nennt, die Indianer hinter den Mississippi zu vertreiben. [...] Es wurden Konzentrationslager eingerichtet, ganze indianische Gemeinschaften wurden mit wenigen Habseligkeiten bei manchmal extremen Witterungsbedingungen in Gewaltmärschen in das sogenannte Indian Territory verbracht. [...]
Die schlimmste Episode war die Deportation des Volkes der Seminolen aus Florida. Hier verflocht sich Jacksons Kampagne mit der Sklavereifrage." (S.494)
"Einige der vertriebenen Stämme setzten in ihren neuen Wohngebieten ihre unhonoriert gebliebene Anpassung an die euro-amerikanische Umgebung fort. Den «Five Civilized Tribes» Cherokees,
Creeks, Choctaws, Chickasaws und Seminolen - ging es zwischen 1850 und dem Beginn des Bürgerkrieges relativ gut. Sie überwanden die Folgen des removal, fanden zu neuer Einigkeit, gaben sich Verfassungen und bauten an eigenen politischen Institutionen, in denen sich die alte indianische Demokratie mit den institutionellen Formen der US-Demokratie verband. Viele wirtschafteten in bäuerlichen Familienbetrieben, andere beschäftigten schwarze Sklaven in Plantagen.[...] In den 1850er Jahren schufen sie sich ein Schulwesen, um das sie die weiße Bevölkerung in den benachbarten Staaten Arkansas und Missouri hätte beneiden können. [...]
Die allgemeine Brutalisierung der amerikanischen Gesellschaft durch den Bürgerkrieg setzte sich nach Kriegsende in erneuter Aggression gegen die Indianer fort." (S.495)
"Mit der Verbreitung des 1874 patentierten und umgehend in riesigen Mengen produzierten Stacheldrahts und der lückenlosen Festlegung privater Besitzansprüche kam der «offene Westen» zu seinem Ende." (S.497)
Eigentum
"Die Indianer wie viele andere jagende, sammelnde und Land bestellende Völker der Welt kannten durchaus «Privat»-Eigentum. Es bezog sich aber nicht auf Land «an sich», sondern auf die Dinge, die sich auf dem Land befanden. Dazu gehörte die Ernte, über die im Prinzip diejenigen verfügen
konnten, die sie produziert hatten." (S.499)

Südamerika und Südafrika
Argentinien
"Die größte Ähnlichkeit zu den USA findet man in Argentinien. [...] Im Unterschied zur US-Frontier wurde das Land in Argentinien nicht in kleine Einheiten zerlegt. Die Regierungen verkauften es
oder vergaben es in großen Stücken als politische Geschenke. So entstanden große Viehgüter, die ihr Land zuweilen an kleinere Rancher verpachteten. [...] Ein für Argentinien charakteristischer Sozialtypus war der Gaucho: ein Wanderarbeiter, Ranchknecht und Pferdemann der Pampa." (Der
Cowboy war im Grunde eine lateinamerikanische Erfindung: Erst über die großen Viehfarmen Nordmexikos verbreitete er sich nach Texas und von dort in den übrigen Wilden Westen. [...])" (S.501/2)
"Fast aufs Jahr gleichzeitig mit dem letzten großen Indianerkrieg der USA wurden die riesigen Landflächen des inneren Argentinten für die wirtschaftliche Nutzung geräumt. Den Indianern wurde noch nicht einmal das kümmerliche Überleben in Reservaten gestattet." (S.503)
Brasilien
"Brasilien ist das einzige Land der Welt, in dem einige der nach 1492 in Amerika begonnenen
Frontier-Prozesse von Ausbeutung und Ansiedlung immer noch anhalten." (S.504)

Südafrika
"Die Frontier-Prozesse in Südamerika Südafrika und Südafrika standen in keiner realen
Wechselwirkung miteinander. Daher fällt umso mehr ihre exakte Gleichzeitigkeit auf. Die letzten Indianerkriege fanden in Nord- und Südamerika in den 1870er und 1880er Jahren statt, also genau zu derselben Zeit, als die weiße (britische) Eroberung des südafrikanischen Landesinneren abgeschlossen wurde. Für Südafrika markiert das Jahr 1879 einen Schlusspunkt. In diesem Jahr wurden die Zulu, die wichtigste afrikanische Gegenmacht zu den Briten, militärisch geschlagen. [...] Die Sioux und die Zulu waren beide bedeutende regionale Militärmächte, die sich manche ihrer einheimischen Nachbarn untertänig und abhängig gemacht hatten. Als Folge eines jahrzehntelangen Kontakts mit Weißen waren sie sich über deren militärische Möglichkeiten durchaus im Klaren. Beide hatten sich auch nur in einem sehr geringen Maße den Invasoren und ihrem Lebensstil assimiliert." (S.505)
"Diesen Gemeinsamkeiten stehen einige Unterschiede im Schicksal von Sioux und Zulu gegenüber. Dem hohen ökonomischen Druck, der auf sie ausgeübt wurde, setzten die beiden Völker eine unterschiedliche Widerstandskraft entgegen. Die Sioux waren nomadische Bisonjäger. die sich in
Jagdbanden organisiert hatten und über keine ausgeprägte politische und militärische Hierarchie verfügten. Sie waren auf dem expandierenden Binnenmarkt der USA wirtschaftlich völlig nutzlos geworden. Die Zulu hingegen existierten auf der Basis einer viel stärkeren stationären Mischwirtschaft von Viehzucht und Ackerbau. Sie verfügten über eine zentralisierte monarchische Organisation und integrierten sich gesellschaftlich durch ein System klar definierter Altersgruppen. Daher ließ sich die Zulugesellschaft trotz ihrer militärischen Niederlage und der folgenden
Okkupation ihrer Wohngebiete nicht so einfach zerschlagen und demoralisieren wie die Gesellschaft der Sioux." (S.506)
"Die Buren profitierten von der Zerrüttung zahlreicher afrikanischer Gemeinschaften, die eine Folge jüngster militärischer Auseinandersetzungen unter den afrikanischen Völkern, der Mfecane, war:
Zwischen 1816 und 1828 hatte der blitzartig erstarkte Militärstaat der Zulu unter deren Kriegskönig Shaka große Gebiete im Grasland entvölkert und zugleich den weißen Siedlern Bundesgenossen aus dem Anti-Zulu-Lager zugeführt. Der Große Treck war ein militärisch und logistisch erfolgreiches Manöver einer der ethnischen Gruppen in Südafrika, die um Land konkurrierten. Er wurde zu einem kolonialen Eroberungszug von zunächst «privatem» Charakter. Eine Staatsbildung erfolgte erst später, gleichsam als «Nebenfolge» (Jörg Fisch) privater Landaneignung, als sich die Buren zwei
eigene Republiken schufen: 1852 die Republik Transvaal, 1854 den Oranje-Freistaat. [...] Militärisch stand den Buren keine Zentralarmee zur Seite. [...]
Jede Frontier weist besondere demographische Verhältnisse auf, und hier liegt ein besonders wichtiger Unterschied zwischen Nordamerika und Südafrika. Vor den 1880er Jahren gab es keine Masseneinwanderung nach Südafrika. [...]" (S.507)
"In Südafrika wie in Nordamerika war der sich und seine Familie selbst versorgende bewaffnete Pionier zunächst der vorherrschende Grenzertypus. In Amerika war die Grenze aber schon früh mit Elementen großbetrieblicher Produktion für Exportmärkte durchsetzt. Im 18.Jahrhundert waren Tabak- und Baumwollplantagen, von denen sich manche an der Grenze befanden, in großräumige Handelsnetze eingesponnen. Im Laufe des 19.Jahrhunderts wurde die Grenze zunehmend zum Organ
kapitalistischer Entwicklungsprozesse. In Südafrika waren die Buren nach dem Exodus eines Teils von ihnen ins Landesinnere zunächst noch weiter von den Weltmärkten entfernt als zuvor. [...] In Südafrika benötigten Farmen und Bergwerke einheimische Lohnarbeit. Den Afrikanern wurden daher nicht nur Subsistenznischen eingeräumt; sie wurden auch auf der untersten Stufe einer rassisch definierten Hierarchie in die dynamischen Sektoren der Wirtschaft integriert. [...] Die südafrikanischen Reservate, die erst viel später - nach 1951 - unter der Bezeichnung homelands ihre volle Ausprägung fanden, waren weniger ein Freiluftgefängnis zur Isolation einer ökonomisch funktionslosen Bevölkerung als der Versuch, schwarze Arbeitskraft politisch zu kontrollieren und ökonomisch zu kanalisieren. Sie beruhten auf dem Prinzip, dass sich in den Reservaten die Familien
durch Subsistenzlandwirtschaft selbst ernährten, während die männlichen Arbeitskräfte, deren physische Reproduktionskosten auf diese Weise minimal gehalten wurden, in den dynamischen Sektoren beschäftigt wurden. [...]
Als in den 1930er Jahren in den USA erstmals eine Art von humaner Indianerpolitik realisiert wurde, war es für ein genuines Indian revival zu spät. In Südafrika stand damals das Maximum an Unterdrückung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit noch bevor." (S.508/09)
Turner in Südafrika
Auf keine andere Interpretation einer Nationalgeschichte außer derjenigen der USA ist die Frontier-These öfter, nachhaltiger, aber auch kontroverser angewendet worden als auf die südafrikanische. [...] Die Frontier des 19. Jahrhunderts wird ebensowenig wie die Sklaverei am Kap (vor der Abschaffung der Sklaverei im British Empire 1833/34) als unmittelbare Quelle der Apartheid gesehen. Beides, Sklaverei wie Frontier, trug jedoch dazu bei, dass sich bereits im späten 19. Jahrhundert eine (auch religiös motivierte) kulturelle Überheblichkeit der Weißen sowie Praktiken scharfer Ausgrenzung herausbildeten.Die Frontier-These liefert keinen Generalschlüssel zur Geschichte Südafrikas, weist aber auf die große Bedeutung von Geographie und Umwelteinflüssen für die Herausbildung sozialer Haltungen hin.
Das Turnersehe Motiv der Emergenz von Freiheit an der Frontier findet sich in Südafrika nur in gebrochener Weise. Der burische Exodus vom Kap ins Landesinnere war unter anderem auch eine Reaktion auf eine soziale Revolution: die Befreiung der Sklaven am Kap 1834. [...] Der Auszug der Treckburen aus der (relativ) urbanen und weltoffenen Kapkolonie war, politisch gesehen, eine Flucht vor solchem rechtlichen Egalitarismus." (S.510/11)
"Die Buren wiederum wollten in ihren isolierten Republiken in Ruhe gelassen werden und strebten nicht nach einer Eroberung des Kaps. Der 1886 beginnende «Goldrausch» am Witwatersrand störte diese Selbstgenügsamkeit. Die Buren wollten von den neuen Reichtümern durchaus profitieren und ließen britischen Kapitalisten freie Hand, sorgten aber dafür, die politische Macht in der Hand zu behalten. [...] Der Südafrikanische Krieg oder Burenkrieg von 1899-1902 entstand aus einer solchen Gemengelage. Er endete mit dem militärischen Sieg einer Imperialmacht, die sich ungewöhnlich verausgaben musste, um einen militärisch scheinbar belanglosen Gegner niederzuringen, und der nun
Zweifel kamen, ob koloniale Vorherrschaft - zumal gegen andere Weiße zu einem solch hohen Preis durchgesetzt werden solle.
Die burische Gesellschaft auf dem Hohen Veldt war durch den Krieg tief verwundet worden; ein Zehntel der Bevölkerung war umgekommen. Die Buren stellten aber weiterhin die große Mehrheit unter der weißen Bevölkerung Südafrikas, und sie kontrollierten die Landwirtschaft. Andere
Bundesgenossen gab es für die Briten im Land nicht. Da ein permanentes Besatzungsregime nicht in Frage kam, musste man sich mit den unterlegenen Buren arrangieren.[...] Anders als in Argentinien, wo die Macht der Gaucho-Frontier bald zerschlagen wurde, eroberte in Südafrika die Frontier-Peripherie das politische Zentrum und prägte ihm fast das ganze 20. Jahrhundert über ihren Stempel auf. [...] Für die politische Entwicklung der USA war der Bürgerkrieg das, was für Südafrika der Burenkrieg bedeutete - allerdings in einem wesentlich komprimierteren Zeitablauf. Die Sezession der
Südstaaten der USA von der Union 1860/61 war ein Äquivalent des Großen Trecks, und die Pflanzerdemokratie der Südstaaten vor der Sezession zeigt große Ähnlichkeiten mit dem gleichzeitigen Herrenvolk-Republikanismus der burischen Pioniere, [...] In den großen Kompromissen nach dem jeweiligen Kriegsende von 1865 in den USA und 1902 in Südafrika vermochten die unterlegenen weißen Parteien ihre Interessen und Werte in hohem Maße zur Geltung zu bringen - in beiden Fällen auf Kosten der Schwarzen. Offensichtlich hat aber in den USA die Frontier nicht in derselben Weise gesiegt wie in Südafrika: Die Werte und Symbole des eigentlichen «Wilden Westens» machten sich nicht auf der Ebene der politischen Ordnung, sondern als Ingredienzien des amerikanischen Kollektivbewusstseins und «Nationalcharakters» bemerkbar. (S.512/13)

Sonntag, 10. Juli 2016

Der Bot in meiner Timeline

[...] warum sich gerade Twitter als Plattform für Medienkritik dieser Art eignet: Es ist ein Massenmedium, in das jede_r individuell eingreifen kann. „Damit erreicht man relativ einfach viele Leute“, so Weichbrodt. Die Twitter-Bots funktionieren als Medienkritiker auch deshalb so gut, weil sie eben Teil dieser Medien sind. Indem sie ihre eigenen Produktionsbedingungen reflektieren, reflektieren sie auch die Mechanismen hinter Nachrichten und Twitter. (Der Bot in meiner Timeline, taz.de)

Uwe Timm: Schreiben lernen

Uwe Timm kann's.
Beispiel: Der Freund und der Fremde
Hier ein Link zur Besprechung von "Vogelweide" (2013)
Hier ein Link zu weiteren Titeln.

Hier sein Aufsatz über Schreiben lernen:
http://www.kiwi-verlag.de/blog/2015/03/05/uwe-timm-schreiben-lernen/

Freitag, 8. Juli 2016

Goldman Sachs macht Barroso zum Aufsichtsrat

Goldman Sachs macht Barroso zum Aufsichtsrat Wirtschaftswoche, 8.7.16
"Barroso war bis 2014 Präsident der EU-Kommission, zuvor war er Premier in Portugal. Seine Einstellung darf deshalb als ein klares Bekenntnis von Goldman Sachs zur EU verstanden werden. Gegenüber der "Financial Times" sagte Barroso, er werde alles tun, um negative Effekte des Brexit-Referendums zu verhindern. Demnach plant Barroso, der die EU-Kommission zehn Jahre lang anführte, sogar einen Umzug nach London. Die Stelle sei nun seine wichtigste Aufgabe, wenngleich er seine wissenschaftliche Tätigkeit in Princeton fortführen will.
Goldman Sachs gehörte zu den Brexit-Gegnern. Die US-Bank spendete 500.000 Pfund an die "Britain stronger in Europe"-Kampagne."

Donnerstag, 7. Juli 2016

Einschlafübung

"Um in weniger als einer Minute glücklich zu schlafen, müsst ihr eure Zunge hinter die Schneidezähne an den Gaumen legen. Anschließend atmet ihr durch die Nase ein und zählt bis vier. Danach haltet ihr sieben Sekunden lang den Atem an. Ausgeatmet wird durch den Mund, während ihr bis acht zählt. Dabei sollte die Luft links und rechts neben eurer Zunge mit einem leichten Rauschen entweichen. Den Vorgang solltet ihr vier Mal in Folge wiederholen.
Durch die langsame Einatmung nehmt ihr mehr Sauerstoff auf. Weil ihr anschließend die Luft anhaltet, gelangt der Sauerstoff ins Blut. Die gemächliche Ausatmung wiederum sorgt dafür, dass ihr viel verbrauchte Luft aus euren Lungen lasst. Der Vorgang beruhigt, senkt den Puls – und hilft euch so beim Einschlafen." (Mediziner verspricht: Mit diesem Trick schläfst du garantiert ein, ze.tt 19.1.2016)

Zwei Jahre Geiselhaft in Syrien

"Ich wurde oft geschlagen, gefoltert wurde ich fünf oder sechs Mal. Sie klemmten mich in einen Reifen und fesselten die Hände auf dem Rücken. Ich hatte das Gefühl, sie benutzen Äxte. Gleichzeitig ­gossen sie Wasser auf mich, ich dachte, das wäre Blut. Ich war mir sicher, ich würde nie wieder laufen können und hatte solche Angst, dass sie mich einfach abschlachten. Es war die Angst, die den Schmerz schlimmer machte. [...] Ihre Folter gleicht einem religiösen ­Ritual. Sie glauben, dass sie das näher zu Gott bringt. Oft beten sie auch richtig vor der Folter. Wenn sie wirklich laut und energisch beteten, dann wusste ich, jetzt wird gleich gefoltert. Das war für mich, als würden sie Gott fragen, ist es in Ordnung, wenn wir diese Typen foltern? Und er antwortet immer: Ja, kein Problem. [...] Ich bewundere die Eigenschaften vieler Muslime, die Herzlichkeit, Gastfreundschaft. Manche Gläubige wirken sehr ­weise. Ich finde es sehr berührend, wenn sie „inschallah“ sagen, „so Gott will“. Viele nervt das, aber ich finde es angemessen, wenn man über die Zukunft spricht. „Lass uns treffen, inschallah.“ Toll, wenn es klappt, dann sollten wir Gott dafür danken, denn vieles hätte passieren können. Das ist nur ein Beispiel dafür, was du lernen kannst, wenn du in einem islamischen Land lebst. Sei dankbar für kleine Dinge. [...] Die Gewalt, die sie jetzt ausüben, verschafft ihnen ein neues Selbstwertgefühl – mit dem Segen des Korans. Und dann sagt ihnen auch noch jeder, ihr müsst den Tod lieben – und nach einer Weile sagen sie, wir lieben den Tod, wir wollen in den Himmel. Aber wenn du sie dann fragst, gerade als Ausländer: Willst du wirklich sterben? Dann sagen sie: Nein, ich möchte lieber nach Deutschland. Doch ein Ticket nach Deutschland gibt ihnen keiner. Auf dem Tisch liegt eine Freifahrkarte in den Himmel. Also sagen sie, oh, dann nehme ich Option A. Weil es keine Option B gibt.
Aber das ist doch keine Erklärung für diese Brutalität!
Viele von denen, die mich gefoltert haben, wurden selbst jahrzehntelang vom Assad-Regime verfolgt. Sie schlossen sich Al Kaida an, weil sie glaubten, dass die den Islam verteidigen. Ich habe einen blinden Scheich kennengelernt, der von seinem vielleicht 13 Jahre alten Sohn herumgeführt wurde. Der Vater war blind, weil das Assad-Regime ihn so schlimm gefoltert hat. Der Sohn macht mit beim Dschihad, ein zweiter Sohn wurde bereits zum Märtyrer. Der Scheich sagte, dieses Kind hier wird auch zum Märtyrer, so Gott will. Der Junge war, seit er neun ist, nicht mehr in der Schule. ­Alles, was er kennt, sind der Dschihad und sein Vater, der vom Regime zum Krüppel gemacht wurde."
(Theo Padmos: Liebe deinen Feind, chrismon Juli 2016, S.38)

Überholen auf dem Radweg

"Wer schneller radelt als andere, muss unter Umständen warten, bis er problemlos überholen kann: an breiteren Stellen – etwa Radwegfurten im Verlauf des Radwegs – oder, wenn der Radweg nicht benutzungspflichtig ist, durch Wechsel auf die Fahrbahn", sagt Huhn. (Vorbei am langsamen Radler, ZEIT online 7.7.16)

Sonntag, 3. Juli 2016

Die neue Unsicherheit

Heinrich Wefing stellt fest, dass seinen Kinder eine viel unübersichtlichere und unsicherere Zukunft bevorsteht, als er bis vor kurzem geglaubt hat. (Wefing: Euch sollte es doch mal besser gehen, ZEIT 30.6.16)

Freitag, 1. Juli 2016

Informationen ohne Fachchinesisch

Mit der Anleitung zu Autogenem Training habe ich gute Erfahrung gemacht.
Hier halte ich für mich und andere einen Link für mich und andere zu weiteren Büchern dieser Reihe fest.

Boris Johnson verzichtet

Erledigt vom höflichen Radikalen ZEIT online 30.6.16
"Es galt als ausgemacht, dass Boris Johnson nach dem Brexit als Premierminister kandidieren würde. Doch dann fiel ihm sein engster Mitstreiter Michael Gove in den Rücken."

Internationale Pressestimmen dazu