Samstag, 26. November 2016

Trumps Regierungsbildung: Milliardäre ins Kabinett

"Rechnet man alle und alles zusammen, könnte Trumps Administration am Ende bis zu 35 Milliarden Dollar schwer sein, kalkuliert das Magazin „Politico“ und nennt das mit Blick auf das politische Washington „eine atemberaubende Anhäufung von Vermögen, wie es sie in der amerikanischen Geschichte noch nie gegeben hat“."
(FAZ 26.11.16)

Freitag, 25. November 2016

Finanztransaktionssteuer ("Tobinsteuer")

Die gerechteste Steuer der Welt

Man baute auf die Moral der Banker

Aufsicht kannte umstrittene Cum-Ex-Geschäfte schon 1992  
Spiegel online 25.11.16

"Seit einem Vierteljahrhundert wissen Behörden, dass Banken und Investoren mit geschickten Aktiengeschäften den Fiskus schröpfen. Das zeigt nach SPIEGEL-Informationen ein jetzt entdecktes Papier. [...]

Auch ein Untersuchungsausschuss des Bundestags befasst sich mit der Causa. Dort ging man bisher davon aus, dass Cum-Ex-Geschäfte etwa seit Beginn des Jahrtausends getätigt wurden. 2002 hatte der Bankenverband in einem Schreiben an das Finanzministerium auf das Problem hingewiesen. Weitere zehn Jahre vergingen, bis die Gesetzgebung so geändert wurde, dass eine Mehrfacherstattung von Kapitalertragsteuer auf Dividenden nicht mehr möglich war.
Der Bericht von 1992 lässt erahnen, warum so lange nichts geschah: Man baute auf die Moral der Banker. "Freilich stößt auch eine verstärkte staatliche Aufsicht in der Praxis an Grenzen", so damals die Begründung. "Dahinter beginnt der Bereich der persönlichen Verantwortung der Marktteilnehmer. Im Börsenbereich ... gehört zu dieser Verantwortung auch eine gewisse Zurückhaltung gegenüber Geschäften, deren Seriosität nicht zweifelsfrei geklärt ist." Mit der Zurückhaltung war es dann nicht so weit her."

Mittwoch, 23. November 2016

Wie im frühen 19. Jahrhundert eine Ehe ermöglicht wurde

Das wird anhand einiger Briefe und einer Urkunde im Blog Kleidermacher Katz dargestellt.

Nach sechs Jahren habe ich mich entschlossen, die Dokumente in der sehr unzureichenden Form - gleichsam als Schnipsel - zu veröffentlichen, bevor sie ganz verloren gehen.

Die Berufsbezeichnung Kleidermacher wird in Deutschland wohl kaum noch gebraucht. (Im Duden wird sie als veraltet bezeichnet.) In Österreich ist sie offenbar noch aktuell. Denn dort gibt es eine Bürgerinitiative für Freie Kleidermacher. Google weist über 73 000 Fundstellen zu "Kleidermacher" nach. Beispiel: Alexander Brenninkmeijer: Der Kleidermacher

Montag, 21. November 2016

Zum selbstorganisierten Lernen (#EDchatDE 154)

Zur Vorbereitung des #EdchatDe 154

F1 Ist selbstorganisiertes Lernen eine Kernkompetenz des 21. Jahrhunderts? Oder eher Stolperstein im Lernprozess?  #EDchatDE
Weder noch.
F2 Wie habt ihr selbstorganisiertes Lernen schon eingesetzt? Beispiele? Projekte? Gerne mit Links. #EDchatDE
Vor gut 40 Jahren in Jahresarbeiten. Natürlich haben Schüler, die schon im Unterricht leistungsstark waren, da einiges geleistet, was ich ihnen nicht zugetraut hätte. - Der Grund m.E.: hohe Motivation, da die Themen recht frei gewählt werden konnten, z.B. Malcolm X (im Deutschunterricht).
F3 Chancen und Stolpersteine: Worauf muss man beim Konzipieren von SOL-Lernsettings besonders achten? #EDchatDE
Hängt von dem SOL-Lernsetting ab.
F4  Wie lassen sich Eltern vom Selbstorganisierten Lernen überzeugen? Oder fordern sie es sogar ein? #EDchatDE
Das Problem hat sich mir nie gestellt.
F6 Selbstorganisiertes Lernen: Kannibalisieren wir uns damit nicht selbst? Was ist die Rolle der Lehrenden? #EDchatDE
Motivierende Lernsituationen schaffen. Das ist mir relativ häufig mit relativ vielen Schülern nicht gelungen. Am besten gelang es, wenn ich auf die individuellen Lernbedürfnisse eingehen konnte.
F7 Welche Methoden des selbstorganisierten Lernens könnt ihr empfehlen? Welche (digitalen) Tools helfen euch bei SOL?  #EDchatDE
Lernen durch Lehren. Es ist zwar durch sehr viel Lehreraktivität geprägt, enthält aber sehr hohe Anteile von SOL bei den Lehrendlernenden und bei der Lerngruppe.
F8: Welche Anregungen, Fragen hast du noch zu „Selbstorganisiertes Lernen“ #EDchatDE

Wenn selbstorganisiertes Lernen so wertvoll ist, warum verschafft man besonders begabten Schülern, die doch besonders gut selbstorganisiert lernen können, dann so häufig einen Zugang zur Universität?

Meine bisherigen Blogartikel zu selbstbestimmtem Lernen; zu selbständigem Lernen

#EdchatDE

Kurz festgehalten

Marrakesch: Klimaschützer jubeln nicht, aber halten an ihrer Hoffnung fest

Die Klimaschützer haben gemerkt, dass ihre - nur allzu begründeten - Schreckensmeldungen statt Aktivität oft nur Resignation ausgelöst haben. Deshalb haben sie es beim Klimagipfel 2015 in Paris als Hoffnungszeichen begrüßt, dass - anders als 2009 beim UN-Klimagipfel in Kopenhagen - China und USA, die beiden Länder mit dem größten Schadstoffausstoß, ernsthafte Schritte in Richtung Klimaschutz getan haben, auch wenn die propagierten Ziele und die Maßnahmen nicht zusammenpassten.
Mit Marrakesch mussten sie ihre Hoffnungen nicht aufgeben, weil erste Konkretisierungsversuche stattfanden und die Industrieländer noch nicht endgültig abgeblockt haben.
Sie durften nicht aufgeben, weil nach der Wahl von Donald Trump keine Zusammenarbeit von USA und China mehr in Aussicht steht, sondern nur noch eine Koalition aller umweltschutzwilligen eine Rest-Chance aufrechterhalten kann.

Formale Freiheit ist nur die Hälfte wert

Reisefreiheit ohne Reisegeld, freie Berufswahl ohne Arbeitsplätze sind nur Scheinfreiheiten, so Butterwege, der Kandidat der Linken für das Amt des Bundespräsidenten.

Quellen: u.a. FR vom 21.11.16

Donnerstag, 17. November 2016

Spenden von Angestellten deutscher Firmen für den US-Wahlkampf

http://www.zeit.de/2016/48/wahlkampfspenden-deutsche-konzerne-donald-trump-usa

Tagebücher des Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész

"Meine geheimen Morgenstunden, geheimen Spaziergänge, meine einsame, intime Selbstzerfleischung, das Schreiben als Geheimnis: all das ist vorbei, kann es vorbei sein? Die träumerischen Zusammenhänge meines Lebens, der Augenblick vor – annähernd genau – zwanzig Jahren, da ich, in hoffnungsloser Lage, mitten in ein für Liebe gehaltenes hoffnungsloses Gefühlsknäuel verwickelt, sagte (im Flur des Verlags für Schöne Literatur auf einer plüschbezogenen Bank am Eingang zur Kantine sitzend), da ich also zu M.Á. sagte, dass ich Weltruhm brauchte, dass nur Weltruhm mich retten könnte. Voilà: hier steht er am Tor. Ich bin sogar schon eingetreten durch das Tor – ist es nicht so? Der Wächter in seinem buschigen Pelz ist mit einer hereinbittenden Geste beiseite getreten, nachdem er zuvor so gnadenlos schien, als wolle er mich glauben lassen, dass er nicht mein Tor, mein einziges, für mich allein bestimmtes Tor bewache. Mein Bündel aber, in dem mein ganzer ärmlicher Schatz steckt, nehme ich, über die Schulter geworfen, mit mir, über die Tore hinaus, ich gebe es nicht her, gebe es nicht an der Garderobe für verführerische Verheißungen ab, tausche es nicht für irgendeinen eleganten Reisekoffer ein. Lerne die Freiheit so zu genießen, wie du die Tafel beim festlichen Dinner genießt: Werde nie satt, nimm von den feinen Bissen und habe die Kraft liegenzulassen, was bereits nicht mehr nötig ist. (1994) [...]
Mit zitternder Demut warte ich, ob mir noch ein mir wichtiger Text "in die Feder" kommt, den ich noch ausführen kann, und ich weiß, dass auf mich nichts anderes wartet; dies jedoch und die Seelen- und Körperwärme, die ich von M. erfahre, sind genug, mehr als genug zur Seligkeit und um am Ende sagen zu können: "Ich hatte ein wunderbares Leben ..." (1995)"
(Tagebücher des Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész)

Trump, AfD

Was sollte zum Konsens unserer Gesellschaft gehören?

Wo verlaufen die entscheidenden Konfliktlinien?

Wird nicht mancher Kampf gekämpft um Fragen, die für unsere Gesellschaft nicht wichtiger sind als heute der Unterschied zwischen evangelisch und katholisch?

Bekenntnismut für Genderfragen ist wichtig. Aber gehört er in staatlich verordnete Lehrpläne?

Pkw-Maut, die Alternative AfD oder CSU?, Geldverschwendung für Prestigeobjekte. Alles Fragen, die man nicht klein zu reden braucht, um Wahrung demokratischer Prinzipien und den Übergang zu klimaneutralen Energieressourcen  nicht für wichtiger zu halten.

Damit es über Trump nicht übersehen wird...

"Es ist nicht verkehrt zu sagen, der Ort mit der höchsten Alphabetisierungsrate* in der Türkei sei derzeit der Campus genannte Gefängsniskomplex von Silveri, wo die politischen Häftlinge einsitzen. 150 Journalisten und Schriftsteller sind inhaftiert." (Can Dündar)

Ich weiß nicht, welches türkische Wort hier mit "Alphabetisierungsrate" wiedergegeben wird. Es muss eine sehr anspruchsvolle Art von Lesefähigkeit gemeint sein. Aber der Hinweis ist wichtig: 
Ein "lupenreiner Demokrat" war Erdogan schon lange nicht mehr, wenn überhaupt. 
Aber einen solch massiven Angriff auf Meinungsfreiheit erlebt man kaum in den schlimmsten Diktaturen. (Natürlich deshalb, weil sie meist schon vor der Diktatur nicht bestnden hat.)


Natürlich gibt es auch Lesenswertes zu Trump.

Mittwoch, 16. November 2016

Finnland schafft die Schulfächer ab

"Mathe, Englisch, Erdkunde? Alles von gestern - der Schulunterricht der Zukunft kommt ohne Fächer aus. Das sagen zumindest Lehrer in Finnland: Bis 2020 sollen die Schulfächer verschwinden."

"Stattdessen sollen die Schüler Ereignisse und Themen interdisziplinär bearbeiten - ein Ansatz, der an finnischen Schulen schon länger diskutiert wird. "Phänomen-Unterricht" nennen die Experten diese Form der Stoffvermittlung.
Ein Beispiel: Der Zweite Weltkrieg wird zukünftig in einem Projekt gleichzeitig aus historischer, geografischer und mathematischer Perspektive behandelt. Beim Thema "Arbeiten in einem Café" könnten Kenntnisse in Englisch und Wirtschaft sowie schriftliche und mündliche Kommunikationsfähigkeiten vermittelt werden.
Gruppenarbeit statt Frontalunterricht
Die Abschaffung der Fächer soll aber nicht an allen Schulen flächendeckend umgesetzt werden, sondern zunächst nur für ältere Schüler ab 16 Jahren. [...]
Dabei profitieren nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer von der Reform: Sie werden in Zukunft viel stärker als bisher fächerübergreifend mit Kollegen zusammenarbeiten. Zwei Drittel der Lehrer in Helsinki sind dafür bereits geschult worden - und erhalten, wenn sie im neuen System arbeiten, dafür auch einen Lohnzuschlag. " 
(Finnland schafft die Schulfächer ab Spiegel online 14. 11.16)

Dienstag, 15. November 2016

RENTNER-EHEPAAR FÜR NEUE TV-REISE-DOKU GESUCHT!

RENTNER-EHEPAAR FÜR NEUE TV-REISE-DOKU GESUCHT!
geschrieben von redaktion am 15.11.2016 12:18
Eingestellt von der Seniorentreff-Redaktion für die Tower Productions GmbH:
Die Tower Productions GmbH ist einer der führenden unabhängigen Produzenten für TV-Unterhaltung auf dem deutschen Markt. Zu unseren aktuellen Produktionen gehören u.a. „Undercover Boss“ (RTL), „Das große Backen“ (SAT.1) und „Geschickt eingefädelt“ (VOX).

In einem neuen Reise Format möchten wir gerne verschiedene Gruppierungen in den Urlaub begleiten und dokumentieren, wie unterschiedlich die Reisen wahrgenommen und bewertet werden.
Jede Gruppe wird sechs Reisen antreten!

Dafür sind wir auf der Suche nach einem rüstigen lebensfrohen Rentner-Ehepaar, die bisher kaum etwas von der Welt gesehen haben und mit uns verschiedene Länder sehen und erleben wollen!
Seniorentreff; http://community.seniorentreff.de/forum/board/RENTNER-EHEPAAR-FUeR-NEUE-TV-REISE-DOKU-GESUCHT;tpc48,347549 

Nachhaltige Erinnerung - ein Projekt für die Schule

Es hat sich mir tief ins Gedächtnis eingebrannt: Keramik und analoge Wiedergabe sind die größte Chance, Informationen langfristig zu überliefern. Aber immer wieder vergesse ich, wo ich die Informationen über dieses Projekt finde:

Memory of Mankind, die größte Zeitkapsel der Menschheit

Hier das Angebot von Workshops für die Schule

Pally über Trump und Alternativen

"Glauben Sie, dass Bernie Sanders als demokratischer Kandidat bessere Chancen gehabt hätte? Er verkörperte ja auch diese Anti-Establishment-Haltung, als Außenseiter seiner Partei.
Das ist ein sehr guter Punkt. Denn auch Obama gewann die Wahlen 2008 zu wesentlichen Teilen deswegen, weil er als Außenseiter wahrgenommen wurde. Dieser Aspekt überstrahlte sogar die rassistischen Vorbehalte gegen ihn – er gewann in denselben Staaten und in denselben Bevölkerungsgruppen, in denen diesmal die Stimmen an Trump gingen. In dieser Hinsicht hätte Bernie Sanders einen Vorteil gegenüber Hillary Clinton gehabt. Auf der anderen Seite bot er mit seinen ökonomischen Vorstellungen zu viel Angriffsfläche für die Großkonzerne und ihre Lobbyisten bei den Republikanern. Von denen wurde Sanders nicht nur als Sozialist angegangen, sondern als Kommunist. Was in den USA das Schlimmste ist, das man sich vorstellen kann."

Literatur

Aichinger

Biermann   Bilder  Artikel und Videos

Christa Wolf  (Briefe), Links zu Einzelausgaben von Briefen

Leonard Cohen

Sonntag, 13. November 2016

Einfallsreiche Lobbystrategien

Nachahmen einer Bürgerbewegung, durch eine Organisation, die von Lobbyisten gesteuert wird, aber wie eine Bürgerorganisation auftritt und Mitglieder wirbt. Bezeichnung: Astroturfing

Trump Interview

Trump will zwei bis drei Millionen Migranten abschieben.
Auszüge im Wortlaut
Deutsche Darstellung in SPON 13.11.16

Trump wurde nicht nur deshalb gewählt, weil man von ihm Wiederherstellung alter Größe erhofft

Trump wurde auch gewählt, weil er wie Berlusconi sich an keine Regeln hält und somit das Vorbild abgibt, wie man dem Establishment ein Schnippchen schlagen kann.
Auch haben ihn nicht nur die frustrierten alten Männer gewählt, sondern auch erstaunlich viele Frauen.
Der Blick auf Berlusconi sollte auch vor der falschen Sicherheit warnen, Trump werde schon dann nicht mehr wieder gewählt, wenn sich erweisen werde, dass er seine Wahlversprechen nicht einhält. Berlusconi wurde viermal Ministerpräsident. Dass entgegenstehende Bestimmungen der US-Verfassung das verbieten, ist ein Schutz. Das Beispiel Putin aber zeigt, dass es nicht immer auch ein zureichender ist.
Die Mehrheit der Wähler stimmte freilich für Hillary Clinton. Das passierte den demokratischen Kandidaten (Al Gore) schon einmal und zwar 2000*, als erstmals George Bush junior gewählt wurde.
Man darf also zwar sagen, dass die US-Bürger Bush junior und Trump gewählt haben, sollte aber nicht vergessen, dass es nicht die Mehrheit der Wähler waren, auch wenn es leichter fällt, über die Dummheit der amerikanischen Wähler zu klagen und Hillary Clinton vorzuwerfen, dass sie alles falsch gemacht habe.

* außerdem auch 1888 und 1876

Drei Lehren, die Deutschland laut Spiegel aus dieser Wahl ziehen sollte.

Samstag, 12. November 2016

Trump und die Folgen?

Mit Trump wird die US-Außenpolitik unberechenbarer. Das erhöht das Kriegsrisiko;  aber andererseits könnte ein geringeres außenpolitisches Engagement der USA auch dazu führen, dass sich  für einige Zeit Hegemonialzonen bilden, in die sich die anderen Weltmächte weniger einmischen. Das wird nicht zu mehr Gerechtigkeit führen und der Kampf um die Abgrenzung der Hegemonialzonen bedeutet auch immer wieder Kriegsgefahr; aber es könnte für einige Zeit sogar weniger offene Konflikte geben.
Freilich auf einem Gebiet internationaler Politik ist Trump sehr wohl berechenbar: Er wird weniger bis gar keine Anstrengungen unternehmen, den Kampf gegen den von Menschen gemachten Anteil der Klimaerwärmung zu unterstützen. Denn dafür müsste er sich mit widerstrebenden Interessen der Industrie auseinandersetzen, und das wird er, bevor er nicht dazugelernt hat (wofür wenig spricht), nicht tun.

So bleibt bei dem für die Menschheit wichtigsten Thema für einige Zeit nur eine Hoffnung:  Einsicht der anderen Hauptakteure. Hoffen darf man, aber ein international koordiniertes Vorgehen von Staaten ist ist nicht zu erwarten; denn alle werden sich auf das schlechte Beispiel USA berufen können und damit Forderungen nach unbequemen Maßnahmen abblocken.
Es bleibt die Hoffnung auf eine Seite, von der sich wohl die meisten Umweltschützer am wenigsten erwarten: die Industrie.
Freilich spricht das Konkurrenzprinzip dagegen, unfaire Vorteile durch bedenkenlosere Ausbeutung von Ressourcen nicht zu nutzen. Aber andererseits hat die Wirtschaft - trotz aller ideologischer Verbrämung nach außen - immer auch direkt mit der Wirklichkeit zu tun. Und so spielt es schon eine Rolle, dass eine nicht geringe Anzahl von Unternehmen dem Globalen Pakt der Vereinten Nationen beigetreten ist, Denn damit haben sie sich verpflichtet, regelmäßig über ihre Anstrengungen für den Umweltschutz zu berichten. Das ist einerseits wenig.* Aber wenn man bedenkt, dass die BRD, angebliche Vorreiterin in Sachen Umweltschutz, nach Marrakesch keinen Plan (nicht einmal einen heuchlerischen) zur Umsetzung der in Paris übernommenen Verpflichtungen mitbringen wird, ist es schon erstaunlich viel.

*  "Im Jahr 2010 erhielt das Wassermandat des Global Compact den Negativpreis Public Eye Award in der Kategorie „Greenwash“."(Seite „Global Compact“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 20. April 2016, 19:08 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Global_Compact&oldid=153656901 (Abgerufen: 12. November 2016, 06:37 UTC)

Donnerstag, 10. November 2016

"Die heutigen Dienstboten sind freier als die Diener von damals"

Julia Friedrich hatte in der ZEIT darauf hingewiesen, dass die heutige Bestellkultur eine neue Dienstbotenklasse geschaffen habe, die der Mittelschicht ermögliche, ihre "nach Marktlogik wertvollere Lebenszeit" kostengünstig in Freizeit umzutauschen. (Vom Diener zum Boten)
Lisa Nienhaus hält dem in der ZEIT Nr. 47 vom 10.11.16 entgegen: "Die heutigen Dienstboten sind freier als die Diener von damals". 
Damit hat sie völlig Recht. Denn sie stehen zum einen nicht in einem persönlichen Abhängigkeitsverhältnis von den Mitgliedern der Mittelschicht und zum anderen genießen sie volle staatsbürgerliche Rechte. 
Was Nienhaus dabei freilich ausklammert, ist erstens, dass die Abhängigkeit von einem internationalen Großkonzern schwerer abzuschütteln ist als die eines persönlichen Dienstverhältnisses.  Die "gnädige Frau" einer Dienerin kann fürsorglich und hilfsbereit sein, die Arbeitsbedingungen der Paketboten bestimmt nicht der einzelne Kunde, sondern der Arbeitgeber. Dagegen kann man als einzelner nur juristisch oder mit einem persönlichen Kundenstreik vorgehen. (Zum Glück gibt es freilich noch Gewerkschaften, die freilich gegen internationale Konzerne nur beschränkt etwas ausrichten können.)
Zweitens: Weil die Benachteiligten gleichzeitig Staatsbürger mit allen Rechten sind, haben sie die Möglichkeit, die Empörung über ihre Benachteiligung in Protestwahlen kundzutun. Das führt dann dazu, dass AfD und Trump gewählt werden, weil sie gegen das Establishment auftreten, auch wenn sie nichts dazu tun, die Benachteiligung zu beseitigen. 
Natürlich kann man an ungerechten Verhältnissen festhalten; aber dann muss man auch mit den Folgen leben.

Vielleicht hat Nienhaus auch gar nichts gegen die Folgen. Was ihre Argumentation aber so wenig glaubwürdig macht, ist, dass sie den Vergleich von Boten mit Dienern wörtlich nimmt, statt zu berücksichtigen, dass nur eine strukturelle Parallelität gemeint ist. 
Wenn heute davon gesprochen wird, dass wir uns unseren Lebensstandard nur leisten können, weil wir eine Vielzahl von Sklaven für uns arbeiten lassen, dann ist damit ja nicht gemeint, dass sie rechtsverbindlich unser Eigentum wären; denn Sklaverei ist weltweit verboten.  Vielmehr denkt man dabei zum einen an die Ausgebeuteten in den Billiglohnländern, die zu Hungerlöhnen und ohne jeden Arbeitsschutz produzieren (vgl. die Brandkatastrophe in Bangladesch), und zum anderen an die Maschinensklaven, die wir mit der Verschmutzung unserer Umwelt bezahlen und mit der Vernichtung der Weltreserven an fossiler Energie und Rohstoffen für die chemische Industrie. 

Und wenn Nienhaus ins Feld führt, Julia Friedrich bedenke nicht, dass die Billiglohnjobs doch besser seien, als wenn auch diese Arbeitsplätze verschwänden, so bedenkt sie nicht, dass diese Billigjobs nur die Vorstufe sind zu einer weiteren Automatisierung. Mit den Drohnen, die diese Arbeitsplätze beseitigen sollen, wird ja jetzt schon experimentiert. 

Sonntag, 6. November 2016

Vom Diener zum Boten, von der Herrschaft zu Amazon

Das Dienstmädchen in der Schlafkammer unter der Treppe gibt es bei uns schon lange nicht mehr. Das Pflichtjahrmädchen ist auch Geschichte. Dienstmädchen im eigenen Zimmer sind Sache der Oberschicht.
Was sich die Mittelschicht leistet, sind Raumpflegerinnen, Boten, Polinnen...
Dienstleistungen nicht durch hochbezahlte Akademiker wie Ärzte und Rechtsanwälte, sondern durch Personal; aber das stellt man nicht selbst ein, man bezahlt dafür online-Dienste. Eine Trinkgeldkonvention wie im Restaurant gibt es noch (?) nicht.

Die ZEIT stellt in Nummer 46/2016 am 3.11.16 manche dieser neuen Dienstleister zu Mindestlöhnen oder ausgebeuteten Selbständigen ("Ich-AG") vor.
Und Julia Friedrich erläutert, warum es ihr peinlich ist,  dass "all diese Fabians und Marcels für ein paar Euro schleppen und putzen und fahren, damit ich ein, zwei Stunden meiner nach Marktlogik wertvolleren Lebenszeit nicht mit solchen Tätigkeiten verschwende." (Hervorhebung: Fontanefan)

Bei Pflichtjahr- und Dienstmädchen sowie Waschfrau war klar, dass sie die bürgerliche Nur-Hausfrau von der harten Arbeit entlasten sollten. Bei Putzhilfe, Tagesmutter und Privat-Polin für die Altenbetreuung ist deutlich, dass sie Frauen der Ober- und Mittelschicht die Teilnahme am bezahlten Arbeitsleben ermöglichen sollen.
Beim Pizzaboten für die Schülerparty oder die Studenten-WG geht es nicht um Emanzipation der Frau. Beim Amazon-Lagerarbeiter und -boten geht es um Arbeitsplätze für die aus dem Bildungssystem herausgefallenen Minderqualifizierten, so lange diese noch nicht von Robotern übernommen worden und zum Flaschensammler abgestiegen sind.

Das schlechte Gewissen wird durch Anonymisierung abtrainiert.

Zum Glück gibt es aber oft noch (?) Umweltbewusstsein. Wann haben wir uns auch das abtrainieren lassen? 1972 gab es noch Aufrufe gegen die Energieverschwendung bei der Weihnachtsdekoration von Kaufhäusern und Innenstädten...

Wir haben ja in Paris so Schönes beschlossen 1,5 Grad Klimaerwärmung als Ziel und 2 Grad als Obergrenze. Und in Marrakesch. Aber das ist ein anderes Kapitel.
Zum Glück haben wir ja die AfD, die sich nicht schämt, gegen Flüchtlinge zu sein. Da brauchen wir kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, oder?

vgl. auch Helpling bei Twitter und im Blog

19 Autoren beantworten Fragen zum Umgang mit Amazon, ZEIT 17.7.2014

Samstag, 5. November 2016

"Auschwitz erlaubt keine Rührung"

Holocaust-Überlebende ZEIT 30.4.2014
"Renate Lasker-Harpprecht, 90, fasst das Unfassbare in Worte: Ein Gespräch über das große Beispiel der Mitgefangenen Mala, eine Baracke namens Kanada und eine halbe Tafel Schokolade, die ihr bis heute ein schlechtes Gewissen bereitet. [...]

Lasker-Harpprecht: ... ja, ich war wirklich sehr krank, ich hatte wahnsinniges Fieber und Durchfall. Es war Flecktyphus. Daran sind die meisten, die man nicht umgebracht hat, gestorben. Eines Tages kamen SS-Frauen und -Männer, wir mussten aus den Betten raus. Die haben selektiert, wer von diesen ganzen abgemagerten Leuten nach links kommt und wer nach rechts. Links bedeutete Vergasung. Mich haben die sofort nach links geschickt. Da habe ich gut reagiert und mich etwas zurückgebeugt zu einem SS-Mann, der nicht besonders grimmig aussah: "Ich bin die Schwester der Cellistin." Da hat er mir einen Tritt in den Hintern gegeben und mich auf die andere Seite bugsiert. Insofern verdanke ich meiner Schwester mein Leben.
ZEIT: Die Ihnen aber, so widersinnig das klingt, in diesen Tagen den Tod gewünscht hat – so hat es Ihre Schwester in ihren Erinnerungen aufgeschrieben.
Lasker-Harpprecht: Das stimmt. Man fiel ja vom Fleisch. Man bekam nichts zu essen und hatte blutigen Durchfall. Als meine Schwester mich in diesem elendigen Zustand sah, da wollte sie eigentlich, dass ich einschlafe ... und fertig.
ZEIT: Aber Ihre Schwester ist dann doch zu Maria Mandl gegangen, der Oberaufseherin des Frauenlagers. Sie hat all ihren Mut zusammengenommen und gefragt, ob man Sie als Läuferin einsetzen könne.
Lasker-Harpprecht: Und das wurde ich auch: Ich habe dann Botschaften übermittelt zwischen den SS-Leuten. Die Mandl mochte meine Schwester, weil sie eine der wenigen war, die noch richtig Deutsch sprachen. Und es war ganz wichtig, keine Angst zu zeigen. Ich hab sie auch nie gezeigt. [...]
ZEIT: Haben Sie bei Ihren Bewachern jemals eine menschliche Regung erlebt?
Lasker-Harpprecht: Ja, bei einem SS-Mann, der auf den schönen Namen Kasernitzky hörte. Das war später, in Belsen. Der stand Wache, als ich heimlich Wasser holen wollte, und er hat sich weggedreht. Wasser war ungeheuer kostbar. Und dann war da ein Polizist, als ich in Belsen im Büro arbeitete, der hat mir ein großes Stück Brot in die Schublade gelegt. Jeden Tag.
Es geht im Lager nicht darum, wer zusammenhält, sondern darum, wer sich am wenigsten oder am meisten hasst. Das ist ein großer Unterschied
Renate Lasker-Harpprecht
ZEIT: Wissen Sie, warum er das getan hat?
Lasker-Harpprecht: Das weiß ich nicht. Jedenfalls hat er mich nach dem Krieg um einen Persilschein gebeten. Und den habe ich ihm auch mit dem größten Vergnügen ausgestellt. Der hat sich wirklich anständig benommen. Als sich bis zum Lagerpersonal in Belsen herumgesprochen hatte, dass der Krieg für die Deutschen nicht so gut lief, wurden die natürlich alle sehr viel freundlicher. Die jagten keine Hunde mehr auf uns und versuchten, so ein bisschen gut Wetter zu machen. Das hat uns nicht sehr beeindruckt, aber so war das halt.
ZEIT: Wie erklären Sie sich, dass fast alle Aufseherinnen und Aufseher das Elend komplett ausblenden konnten?
Lasker-Harpprecht: Das möchte ich auch sehr gerne wissen. Ich schweife jetzt kurz ab, aber einmal kam ein großer italienischer Transport an in Auschwitz. Aus irgendeinem Grund hat sich da ein kleines Mädchen weggestohlen, ein süßes Mädchen, ganz blond. Die ist sicher nicht alleine gekommen, aber auf einmal war die bei mir, in meiner Nähe. Und ich habe mich sehr um das Mädchen gekümmert, das kann ich wirklich sagen, ich fand die entzückend. Die hatte so viel Vertrauen zu mir. Ich habe der Essen gegeben, ich konnte Sachen organisieren für die, weil ich ein paar Freiheiten innerhalb des Lagers hatte. Ich habe auch gesehen, dass die SS-Frauen nett waren zu diesem Kind. Aber irgendwann habe ich die Kleine aus den Augen verloren, weil ich noch mal krank wurde. Nichts Ernstes, doch als ich zurückkam, hatten sie das Mädchen auch umgebracht. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Wie kann man? Das muss auch ein bisschen mit der Mentalität der diversen Nationalitäten zusammenhängen. Ich glaube nicht, dass sie in Italien, wo es ja auch schlimm war zum Schluss, so furchtbare Sachen mit den Kindern gemacht haben.
ZEIT: Von den etwa sechs Millionen Juden, die im Holocaust ermordet worden sind, war jedes vierte Opfer ein Kind. Sie meinen, dass so eine Grausamkeit auch in der Mentalität eines Volkes begründet ist?
Lasker-Harpprecht: Auch, ja. Jedenfalls bei gewissen Generationen und bei gewissen Schichten.
ZEIT: Wissen Sie noch, wie dieses italienische Mädchen hieß?
Lasker-Harpprecht: Mit M fing der Name an. Marta oder so ähnlich. Es war ein jüdisches Kind.
ZEIT: Sie haben vorhin gesagt, dass man sich im Lager alles organisieren konnte. Wie muss man sich das vorstellen?
Lasker-Harpprecht: Es gab im Lager Namen für die Orte, an denen man arbeitete. Die Baracke, in der man sich wirklich alles beschaffen konnte, hieß "Kanada". Da gab es absolut alles. Offensichtlich war man der Ansicht, dass Kanada ein Schlaraffenland ist. Man hat den Menschen, die ins Lager kamen, ja ihre Sachen abgenommen. Und viele Häftlinge, vor allen Dingen aus Polen und Griechenland, hatten sich Goldmünzen und solche Sachen in ihre Kleidersäume eingenäht. Und in Kanada lagerte das alles. Die Kapos, die es ohnehin unter den Häftlingen noch am besten hatten, haben sich dann die ganzen Sachen organisiert, die die verschiedenen Kommandos aus Kanada, vom Steineklopfen oder vom Feld mitbrachten. Das war einer der Gründe, warum wir die nicht leiden konnten.

"Ich habe nur eine einzige Sache regelmäßig gestohlen: frisches Gemüse"

ZEIT: Die Kapos haben alles eingesteckt?
Lasker-Harpprecht: Natürlich, natürlich.
ZEIT: Was konnten die denn mit diesem Reichtum anstellen?
Lasker-Harpprecht: Bestechen.
ZEIT: Das heißt: eine Scheibe Brot mehr?
Lasker-Harpprecht: Na ja, das ging über hundert Kanäle. Ich konnte das leider nie betreiben. Ich habe nur eine einzige Sache regelmäßig gestohlen: frisches Gemüse. Die Häftlinge, die auf dem Feld arbeiteten, steckten sich natürlich furchtbar viele Zwiebeln und Knoblauch ein. Das war sehr wichtig im Lager, denn wir hatten totalen Vitaminmangel. Ich hatte auf einmal Löcher in den Beinen.
ZEIT: Wunden vom Vitaminmangel?
Lasker-Harpprecht: Ja, ich habe immer noch Narben davon. Immer wenn diese Kommandos vom Feld zurückkamen, wurden die durchsucht, und die frischen Sachen kamen auf einen Haufen. Und wenn die Häftlinge in die Baracke gingen, haben wir Dolmetscher und Läufer uns bedient. Das hat sich gelohnt. Ich habe da aber niemals ein Stück Gold gesehen.
ZEIT: Mir ist bewusst, dass diese Frage geradezu pervers anmutet: Aber haben Sie in der Zeit im Lager irgendetwas gemacht, wofür Sie sich schämen?
Lasker-Harpprecht: Ja, Sie werden das als eine Lappalie betrachten, aber ich schäme mich heute noch dafür. Eines Tages hat mir jemand – ich weiß nicht mehr, wer das war – eine halbe Tafel Schokolade geschenkt. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, ich hatte so etwas seit Jahren nicht gesehen. Und ich habe mir gesagt: Jetzt gehe ich zu Anita, und wir teilen uns diese Schokolade. Auf dem Weg zu Anita habe ich aber die ganze Schokolade aufgegessen. Das ist das Einzige, wofür ich mich schäme.
ZEIT: So eine Kleinigkeit!
Lasker-Harpprecht: Aber es zeigt einen Mangel an Charakter und Disziplin. Das geht nicht. [...]

Pädophilie: Schlimmer als jede Sucht

Schlimmer als jede Sucht ZEIT 13.3.2014

"Ein Pädophiler erkennt, welche Gefahr er darstellt, und begibt sich in Therapie: Vor einem Jahr berichtete Heike Faller über diesen Mann im ZEITmagazin. Jetzt hat sie ihn erneut getroffen. Hält der Erfolg der Therapie an?"

Gekaufte Wissenschaft

Gekaufte Wissenschaft ZEIT 1.8.2013

"[...]  EWI ist ein sogenanntes An-Institut. Es wird knapp zur Hälfte von den Energieriesen E.on und RWE finanziert. Bereits im Jahr 2010 hat das EWI eine Studie über die Bedeutung der Kernenergie erstellt, die von der schwarz-gelben Bundesregierung maßgeblich zur Begründung der ursprünglich geplanten Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke herangezogen wurde. 
Felix Höffler ist einer der Leiter des EWI. [...]
Den Vorwurf, das EWI lasse sich für Studien kaufen, der seit den beiden Untersuchungen zur Atomkraft über dem Institut hängt, empfindet Höffler als ungerecht. "Fachlich ist unsere Arbeit einwandfrei."
Aber Höffler sagt auch: "Unser Institut ist in der öffentlichen Meinung klar positioniert." Das EWI steht der Atomkraft nicht ablehnend gegenüber. Höffler fügt hinzu: "Wir vertreten einen marktwirtschaftlichen Ansatz. Das berücksichtigen Auftraggeber natürlich, bevor sie einen Auftrag erteilen." [...]
Es ist etwas Erstaunliches passiert, seit die Wirtschaft in die Universitäten gelangt ist: Auf den Fluren der Hochschulen begegnet man neuerdings nicht nur Managern und Unternehmern – sondern auch anderen Professoren als früher. Ein neuer Prototyp von Wissenschaftler ist entstanden, einer, der sich nicht so sehr als unabhängiger Forscher sieht, sondern eher als pragmatischer Dienstleister seines Auftraggebers.
Noch betreffen all diese Fälle nur einen kleinen Teil der Wissenschaft. Umso mehr müssten die Universitäten daran interessiert sein, den Eindruck zu vermeiden, in ihren Instituten werde wertloses Wissen erzeugt. Denn fragwürdige Studien und Forscher, die sich an den Bedürfnissen des Marktes ausrichten, haben die Macht, den ganzen Wissenschaftsbetrieb in Misskredit zu bringen. [...]
Philipp Mimkes, 46, ist Physiker und arbeitet hauptberuflich für den Verein "Coordination gegen Bayer-Gefahren". Er wollte von der Uni Köln wissen, welche Regelung es für die Veröffentlichung von Testergebnissen gibt. Hat Bayer die Macht, negative Ergebnisse zu unterdrücken?  [...]
Mimkes zog vor Gericht. "Eine aus Steuergeldern finanzierte Institution muss öffentlicher Kontrolle unterliegen", sagt er, "zumal in einem so sensiblen Bereich wie der Pharmaforschung."
Im Dezember 2012 schlug sich das Verwaltungsgericht Köln jedoch auf die Seite der Universität. Die Wissenschaft sei frei, auch in der Frage, mit wem sie kooperiere, daher unterliege sie in diesem Fall nicht der Pflicht zur Offenlegung des Vertrags.
Mimkes hat Berufung gegen das Urteil eingelegt. Die Entscheidung steht noch aus.
Folgt man der Argumentation des Kölner Gerichts, genießt die Wissenschaft also die Freiheit, sich selbst ihrer Unabhängigkeit zu berauben. Die Frage ist nur: Wer schützt dann noch die Gesellschaft vor den Ergebnissen dieser neuen Art von Wissenschaft? [...]
Wer als Wissenschaftler heute keine Kontakte zu Unternehmen hat, wer keine Kooperationen organisieren kann, hat es häufig schwer, im Wissenschaftsbetrieb Fuß zu fassen. Wie verhält man sich da als Professor, dem seine Studenten am Herzen liegen? [...]
"Ich bin über 60, aber für meine Studenten ist der Kontakt zu Unternehmen wie Google wichtig. Der Staat zieht sich immer stärker aus der Wissenschaftsfinanzierung raus. Damit die Studenten später ein Auskommen haben, sind sie auf Kontakte zu Unternehmen wie Google angewiesen." [...]
Das Fazit: "Die Europäer gehen mit großer Entschiedenheit davon aus, dass man nicht darauf vertrauen kann, dass Wissenschaftler bei kontroversen wissenschaftlichen und technischen Problemen die Wahrheit sagen, weil sie zunehmend von den Fördermitteln der Industrie abhängig sind."


Mutterliebe

"Urform der Mutterliebe gibt es nicht" FR 6.1.2014
"Die Entwicklungspsychologin Heidemarie Keller spricht über den Umgang mit Kindern in unterschiedlichen Gegenden der Erde." 
"Bei den Nso ist statt einer einzelnen Mutter die Gruppe, der Clan gemeinsam für die Kinder verantwortlich. Mütter müssen hier wie alle Stammesmitglieder, vor allem die Frauen, sehr hart arbeiten, auf dem Feld oder im Haushalt. Sie haben gar nicht die Zeit, sich ausführlich mit einem einzigen Kind zu beschäftigen, da ist der Körperkontakt im Tragetuch besonders wichtig, er ist ja ebenfalls eine Form von Aufmerksamkeit. Doch ein Baby ansehen und mit ihm Zwiesprache halten, das ist bei Nso-Müttern überhaupt nicht üblich. Im Gegenteil: Sie pusten ihren Babys sogar ins Gesicht, um ihnen den Blickkontakt abzugewöhnen."
"Was würde eine Nso-Frau zu den hiesigen Diskussionen zur Kinderbetreuung sagen, bei denen sich Mütter feindlich gegenüberstehen, weil die eine ihr Kind mit eineinhalb und die andere mit drei Jahren in die Kita gibt?
Sie fänden das sicherlich absurd. Und auch wir sollten uns öfter einmal klar machen, dass die Debatten, die wir so erbittert führen, nur in einem winzigen Teil der Welt in irgendeiner Weise relevant sind."
"Wenn Sie sich das klarmachen, verliert die Krippendiskussion einiges an Relevanz. Das ist reine Ideologie, auch wenn sie in der Form wissenschaftlicher Studien daherkommt. Wissenschaftler agieren ja nicht geistig im luftleeren Raum, sie halten ihr eigenes Umfeld für prototypisch. Jede Wissenschaft ist gleichzeitig auch Weltanschauung und beruht auf Konventionen."
"Ich empfinde es als großes Glück, dass Familien hierzulande aus verschiedenen Lebensmodellen wählen können. Vielleicht sollten wir uns das häufiger bewusst machen."

Middelaar über die Situation der EU (Widerstand gegen Ceta und der Brexit)

Widerstand gegen Ceta war Brexit von links“ von LUUK VAN MIDDELAAR, FR 4.11.16

Middelaar  im Interview:

"Die Vielschichtigkeit Europas wird oft unterschätzt, weil in der Debatte unterschiedliche Europabegriffe nebeneinander benutzt werden. Wir kennen das Brüsseler Europa, also die Vertragswelt der EU. Das ist das, was ich innere Sphäre nenne. Daneben lässt sich Europa beschreiben als Kontinent, verbunden durch Raum, gemeinsame Geschichte und Kultur. Das ist die Welt der europäischen Staaten und Staatenkonferenzen, wie wir sie seit dem 15. Jahrhundert kennen. Das ist die äußere Sphäre. Manchmal scheint es mir, als ob beide Sphären sich verhalten wie die beiden Hälften des Gehirns, getrennt, aber dennoch gibt es eine Wechselwirkung. [...]
Es gibt eine Zwischensphäre, in der die Sphäre der Nationalstaaten und das Brüssel-Europa zusammenkommen. Das lässt sich auch schön beobachten, etwa auf EU-Gipfeln. Kanzlerin Angela Merkel spricht danach vor einer deutschen Flagge, Jean-Claude Juncker und Donald Tusk sprechen vor der EU-Fahne. Aber Merkel und Tusk und Juncker sind zusammen Europa."
Für Deutschland gilt für das Verständnis von Nation: "Die Sprache ist entscheidend, ein Deutscher könnte sich auch in einem vereinten Europa immer noch deutsch fühlen. Für Franzosen oder Spanier ist das anders. Die Nation konstituiert sich hier im Staat, im politischen Feld. Auch deshalb sie starken Beharrungskräfte. Nicht nur in Frankreich, auch in Spanien oder Polen."
FR: "Sie unterscheiden die unterschiedlichen deutsch-französischen Ansätze in der Euro- und in der Flüchtlingskrise: Regelpolitik gegen Ereignispolitik."
Middelaar: "In der Krise muss man improvisieren. Ein französischer Präsident mag es, seinem Publikum zu zeigen, dass er die Gelegenheit ergreifen kann. In Deutschland ist das viel schwieriger, da ist die Politik Regelarbeit, die Gleichgewicht und Gerechtigkeit schafft. Die europäische Erkenntnis lautet: Man braucht beides."
FR: "Interessanterweise hat Angela Merkel in der Flüchtlingskrise die Regelpolitik verlassen ..."
Middelaar: "Das hat jeden überrascht. [...] Aber interessanterweise hat die deutsche Diplomatie danach versucht,zur Regelpolitik zurückzukommen."

Middelaar meint "Europa war stets ein Versprechen. Auf Frieden und Freiheit". Doch diese Freiheit, die er vornehmlich als Freihandel und "Arbeitnehmerfreizügigkeit" versteht, nutze vor allem Akademikern und der Jugend. "Wir dürfen aber die anderen fünfzig Prozent nicht vergessen, die Veränderungen fürchtet. Europa muss auch dieser Schutzfunktion gerecht werden."
Als Mann, der lange im innersten Kern der EU gearbeitet hat, sieht er nicht die Gefahr für die Demokratie (und Umweltschutzpolitik), die mit Verträgen wie CETA entsteht. und sieht keinen Widerspruch zwischen Freihandel und Freiheit. Dennoch kommt er zu dem bemerkenswerten Schluss:
"Freiheit schaffen fordert eher Regelpolitik, Schutz eher Ereignispolitik. [...] Europa lässt sich nicht gegen die Nationalstaaten bauen, sondern nur mit ihnen."

Nach meinem Verständnis verwickelt er sich in Widersprüche. Einerseits sagt er, Regelpolitik ziele auf "Gleichgewicht und Gerechtigkeit" und Merkel habe mit ihrer Flüchtlingspolitik Regelpolitik  verlassen. Andererseits meint er, Schutz sei über Ereignispolitik zu schaffen. Gleichgewicht und Gerechtigkeit sollen also keinen Schutz bieten? 

Dennoch scheint mir seine Sicht auf die Situation der EU hochinteressant. Selten bekommt man einen Blick auf die Sehweise im Zentrum der EU und selten einen Blick auf die Unterschiede der verschiedenen Nationen, die in der EU zusammen arbeiten. 
Meiner Meinung nach ist der aber entscheidend wichtig dafür, dass wir eine europäische Öffentlichkeit entwickeln, die die Voraussetzung für politische Diskussionen und Meinungsbildung im europäischen Raum und damit für Willensbildung und fundierte Wahlentscheidungen ist. 

Da Beiträge, die die verschiedenen Nationalstandpunkte berücksichtigen, in nationalen deutschen Zeitungen so selten vorkommen, bin ich dankbar für Initiativen wie euro|topics, die es ermöglichen, auch ohne umfassende Sprachkenntnisse und das Abonnement von 27 Zeitungen ein wenig mehr von den nationalen Standpunkten zu Problemen europäischer Politik mit zu vollziehen.  Deshalb nehme ich auch immer wieder solche internationalen Pressestimmen in meine Blogs auf.

Donnerstag, 3. November 2016

Trotz Paris droht der Klimaschutz zu scheitern

Bericht zum Klimaschutz:Uno warnt vor menschlicher Tragödie  Spiegel online 3.11.2016
"Ein neuer Uno-Bericht zum Klimaschutz zeigt, wie viel die Staaten der Welt noch tun müssen, wenn sie ihre Ziele erreichen wollen - und wie schnell das passieren muss."

"Laut der aktuellen Ausgabe des jährlich vorgestellten "Emissions Gap Report" führen die von den Staaten gemachten Zusagen bisher zu einem Temperaturplus von 2,9 bis 3,4 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts." (Hervorhebung Fontanefan)

nicht vergessen! Memory of Mankind

Es hat sich mir tief ins Gedächtnis eingebrannt: Keramik und analoge Wiedergabe sind die größte Chance, Informationen langfristig zu überliefern. Aber immer wieder vergesse ich, wo ich die Informationen über dieses Projekt finde:

Memory of Mankind, die größte Zeitkapsel der Menschheit

Auf Grund unseres digitalen Zeitalters laufen wir Gefahr, kaum dauerhafte Aufzeichnungen zu hinterlassen. Auf der anderen Seite haben wir die Verpflichtung bestimmte Informationen besonders lange Aufzubewahren. Das sind zum Beispiel Informationen über Lagerstätten von nuklearem Abfall. MOM ist in verschiedenen Sprachen geschrieben. Du findest hier auch die Erklärung, wie unsere heutigen Sprachen in die Zukunft weitergegeben werden.  (mehr dazu)
Entzifferung unserer Sprachen
Ein kritischer Aspekt des MOM Projektes ist die Aufbewahrung von Information in einer Weise, die eine Entzifferung in der Zukunft ermöglicht.
Um eine präzise Entzifferung zu garantieren werden die Sprachen selbst beschrieben:
Ein "Bilderwörterbuch" enthält tausende von Fotos von Dingen und Situationen, die mit den dazugehörenden Begriffen direkt beschriftet sind.
Abstrakte Bedeutungen werden durch konkrete Begriffe erklärt.
Thesaurus, Wörter-, Phrasen-, Redewendungs-, Grammatik- und Rechtschreibungsverzeichnisse vertiefen die Darstellung der Sprachen.
Beachte: Der Token ist so gestaltet, dass erst eine Zivilisation auf ähnlichem technischem Stand diesen verstehen und das MOM Archiv finden kann. Darum ist es erlaubt, die Technik für automatisierte Textverarbeitung als bekannt anzunehmen.

Hamburger Kessel Juni 1986

Biographie von Max Frisch, 2010

Autorenporträts von Max Frisch im Berliner Journal 1973 u.a. Wolf, Johnson, Biermann, Enzensberger, ...

Günther de Bruyn 90 J.

Posthumanismus

Jenseits des Menschen: Posthumanismus von Rosi Braidotti 

9.9.2016
"Der Posthumanismus entspricht dem Zeitalter, das auch als "Anthropozän" bezeichnet wird – und durch die (negativen) Auswirkungen menschlichen Handelns auf das Ökosystem der Erde gekennzeichnet ist. Den Begriff prägte der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen; er beschreibt damit die gegenwärtige geologische Epoche und betont die technologisch vermittelte Macht unserer Spezies und ihre tödlichen Folgen.[1] Als Auseinandersetzung mit den Herausforderungen unserer Epoche geht der Posthumanismus jedoch über die ökologische Zukunftsfähigkeit und die Auswirkungen technologischer Vermittlung hinaus und beschäftigt sich mit Themen der sozialen Gerechtigkeit und der politischen Subjektivität. Die posthumane kritische Theorie, so meine These, stellt die konstruktive Antwort auf die widersprüchlichen Bedingungen unserer Welt dar. Die posthumane Ära ist gekennzeichnet durch die Kombination rasender wissenschaftlicher und technologischer Veränderungen als Bestandteil des fortgeschrittenen Kapitalismus mit den strukturellen Begrenzungen ökonomischer Globalisierung sowie einem umfassenden Risikomanagement in Verbindung mit dem "Krieg gegen den Terror", der globalen Sicherheit sowie Fragen der Netzsicherheit. [...]



Definition des Posthumanen



Die Bedingungen des Posthumanen entstehen durch die Annäherung von Post- und Antihumanismus einerseits und Anti- und Postanthropozentrismus andererseits. Häufig überlappen sich beide Stränge, beziehen sich jedoch jeweils auf unterschiedliche intellektuelle Genealogien und Traditionen. Der Antihumanismus konzentriert sich auf die Kritik des humanistischen Ideals vom "Menschen/Mann" (man) als universellem Repräsentanten des Menschen (human), während sich der Antianthropozentrismus gegen die Hierarchie der Arten wendet und ökologische Gerechtigkeit fordert. Der Begriff "posthuman" bezeichnet die Herausbildung einer neuen Perspektive, die nicht allein einen Kulminationspunkt beider Stränge, sondern einen qualitativen Sprung bedeutet. 

Posthumanismus beruft sich auf einen reichen und vielfältigen "Stammbaum", der den Antihumanismus der französischen poststrukturalistischen Philosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgreift. Als Studentin Michel Foucaults habe ich seine These vom "Tod des Menschen" als direkte Kritik der theoretischen und moralischen Grundlagen des europäischen Humanismus (als Ideal wie als welthistorische Erfahrung) übernommen.[5] Foucault hinterfragte die humanistische Arroganz, den "Menschen" – das gebildete europäische männliche Subjekt – als Zentrum der Weltgeschichte zu betrachten. Dieser Anspruch auf Überlegenheit, der auf der Überzeugung basierte, die zentrale menschliche Eigenschaft sei eine einzigartige und bestimmte Idee der "Vernunft", wurde im 18. Jahrhundert zementiert. Foucault zufolge wurde das Modell der Aufklärung – die universelle Vernunft – als normative Kategorie für Individuen wie für Kollektive aufrechterhalten.[6] Sie begründet, verbunden mit dem souveränen und liberalen Herrschaftsideal, die Rolle der Rationalität als Motor des historischen Fortschritts der Menschheit. 

In Opposition zum so definierten Humanismus entwickelten die französischen Poststrukturalisten eine prägnante Kritik an der Komplizenschaft zwischen Vernunft – und wissenschaftlicher Rationalität – und der Gewalt und dem Terror. Den Titel einer berühmten Radierung von Goya abwandelnd, vertraten die Philosophen Gilles Deleuze und Felix Guattari die These, nicht der Schlaf der Vernunft gebiere Ungeheuer, sondern die wachsame und schlaflose Rationalität.[7] Die Komplizenschaft erhabener humanistischer Ideale mit der Realität von Genoziden fußt auf der Analyse der konzeptionellen Wurzeln des europäischen Faschismus und des Holocaust (und wird wiederum durch sie gestützt). Wie Foucault einleuchtend in seinem Vorwort zum "Anti-Ödipus" feststellt, lehrt Deleuze, wie sich ein antifaschistisches Leben gestalten und aufrechterhalten lässt – nämlich durch eine pointierte Kritik der Macht, der Rationalität und des Staates.  [...]
Der vermeintlich universelle Standard, wie ihn das humanistische Bild des man of reason repräsentiert, wurde just wegen seiner Parteilichkeit kritisiert.[10] Das Subjekt wird hier als männlich, weiß, urban, eine Standardsprache sprechend, heterosexuell in einen Fortpflanzungszusammenhang eingebunden sowie als Vollbürger eines anerkannten Gemeinwesens gedacht.[11] Selbst der Marxismus fuhr – unter dem Deckmantel einer Theorie des historischen Materialismus und sozialistischen Humanismus – fort, das Subjekt des europäischen Denkens als einheitlich und vorherrschend zu definieren und ihm den Platz als Meister der Menschheitsgeschichte zuzuweisen. 

Die posthumanistische kritische Bewertung des Humanismus, häufig als postmoderner Relativismus oder als regelrechter Nihilismus abgelehnt,[12] ist exakt das Gegenteil dessen, was ihr vorgeworfen wird. Anzuerkennen, dass Vernunft und Barbarei nicht von vornherein einander widersprechen, ist weit davon entfernt, in Relativismus und Nihilismus zu münden und erzeugt vielmehr eine radikale Kritik am Begriff vom Humanismus selbst sowie seiner Verbindung mit demokratischer Kritik wie emanzipatorischer Politik.[13] Der Posthumanismus propagiert eine solide Ethik des Widerstands gegenüber eurozentrischer humanistischer Überlegenheit sowie blinder und militanter Formen des Anthropozentrismus.[14] [...]

Der inhärente Widerspruch im Erbe des Posthumanismus wird bei postkolonialen und Rassismustheoretikern besonders deutlich: Beide interpretieren den europäischen Humanismus entlang der Geschichte des Kolonialismus und der rassistischen Gewalt – und machen die Europäer für den Gebrauch beziehungsweise den Missbrauch humanistischer Ideale bei der Herrschaft über andere Kulturen verantwortlich. In der postkolonialen Theorie fällt indes auf, dass sie humanistische Voraussetzungen nicht vollständig ablehnt, sondern diese vielmehr erneuert, indem sie sie auf nichtwestliche Traditionen bezieht.[16] Ökofeministinnen betonen in ähnlicher Weise die Komplizenschaft der eurozentrischen Hervorhebung des "Menschen" als selbsternanntes Maß aller Dinge mit der Beherrschung und Ausbeutung der Natur durch entsprechend missbräuchliche wissenschaftliche und technologische Praktiken. Sie plädieren für eine harmonischere und einschließende Art von Humanismus, der sich durch Respekt für die Verschiedenheit lebender Materie und aller menschlichen Kulturen auszeichnet.[17] 

Posthumane kritische Theorie erwächst aus all diesen kritischen Strömungen, bewegt sich jedoch in andere Richtungen. Ausgehend von der Tatsache, dass "Wir" nicht in derselben Art und Weise und in demselben Maß "menschlich" sind, halte ich eine Herangehensweise an das "Menschliche" für notwendig, die den Begriff nicht als neutralen, sondern als hierarchischen versteht – eine, die den Zugang zu Privilegien und Ermächtigungen aufzeigt, die sowohl mit der humanistischen Tradition als auch mit der anthropozentrischen "Ausnahme" in Verbindung stehen. Mit Blick auf postkoloniale und feministische Theorien möchte ich herausstreichen, dass – wenn historisch das Humane als Träger der Verteilung von Macht diente – das Posthumane darauf zielt, ein alternatives systematisches Konzept hervorzubringen."

sieh auch Anthropozän